Spazieren gehen

Da und dort hört man, dass spazieren gehen die beste Meditation sei. Dem kann ich nur voll und ganz zustimmen. Sofern das Wort Meditation im Zusammenhang mit dem Erwachen überhaupt einen Sinn hat. (Bei dieser Gelegenheit möchte ich anmerken, dass ich Meditationen für gänzlich überflüssig, wenn nicht gar kontraproduktiv halte.)

Ausgedehnte Spaziergänge bewirken etwas ganz Ähnliches wie das Atmen, wirken allerdings zum Teil auf anderen Ebenen. Bei einem Spaziergang gewinnst du auch Abstand von deinen üblichen, alltäglichen Gedanken und Sorgen, von deinen Sorgen im Zusammenhang mit dem Erwachensprozess. Durch das Gehen kommst du in einen anderen Rhythmus, der ein sehr natürlicher ist. Und durch diesen anderen Rhythmus kommst du auf andere Gedanken. Probier es aus. Du kannst dir sogar vornehmen, beim Spazierengehen über etwas Bestimmtes nachzudenken, es wird dir nur zum Teil gelingen. Du kommst in den anderen Rhythmus und gewinnst auf dem Weg andere Eindrücke, die dich zu anderen Gedanken inspirieren. Schon bist du woanders, als du vorher warst.

Ich habe in einer für mich wesentlichen Zeit durch tägliche, lange Spaziergänge mein Leben verändert. Wichtig war wieder einmal, dass ich keine Agenda hatte. Ich habe bloß gemerkt, dass diese Spaziergänge angenehm für mich sind. Und siehe da, binnen kurzer Zeit habe ich alles anders gesehen. Es gibt dieses geflügelte Wort das Hirn auslüften. Das trifft wirklich exakt auf das Spazierengehen zu. Dieses Hirn, dieser Verstand, der das alte, menschliche Selbst so sehr bestimmt, verändert sich beim Gehen. Oh, ich denke viel beim Gehen! Aber eben anders und über andere Dinge als sonst. So ganz nebenbei gewinne ich tiefe Einsichten.

Ein weiterer vorteilhafter Effekt des Spazierengehens ist, dass der Körper bewegt wird, und zwar auf leichte, unbeschwerliche Weise. Ich rate überhaupt von anstrengenden Aktivitäten ab, vor allem im Übergang. Das ist nicht die Zeit, seinen Körper zusätzlich herauszufordern. Der hat ohnehin mit der Transformation genug zu tun. Leichte, gänzlich unanstrengende Bewegungen tun ihm gut. Er wird daran erinnert, dass er unter anderem auch für die Fortbewegung geschaffen wurde und lässt dich dadurch besser fühlen. Es geht, wie gesagt, nicht um Fitnessprogramme. Leichte Bewegungen sind das beste Fitnessprogramm.

Durch die körperliche Bewegung kommen natürlich auch andere Energien in Bewegung, das lässt sich gar nicht vermeiden. Und darum geht es letztlich. Energien müssen fließen, nicht stehen. Ich merke bei mir wunderschön, dass ich in Zeiten, in denen ich etwas als stehend empfinde, das dringende Bedürfnis wahrnehme, zu gehen. Und sei es nur, dass ich im Zimmer auf und ab gehe.

Es spielt keine Rolle, wo du spazieren gehst. Befreie dich von dem Glauben, nur ein Spaziergang in der Natur sei wertvoll, und in der Stadt würde man nur schlechte Luft einatmen. Unsinn! Lass dich von deinen Vorlieben und vor allem von deiner spontanen Lust leiten. Stadt, Dorf, Land, Wasser, Wald, Feld – völlig egal. Gehe dort, wo es dir gerade gefällt. Wenn du allerdings über Monate immer wieder dieselbe Route nimmst, empfehle ich dir, einmal woanders hinzugehen. Abwechslung und andere Eindrücke sind wichtig. Das gilt für alles im Leben. Das menschliche Selbst tendiert oft dazu, alles gleich zu belassen. Dieselben Möbel an derselben Position, dieselbe Art von Kleidung, dieselben Aktivitäten, dieselben Freunde, dieselbe Route beim Spazierengehen. Aber genau das alles ändert sich im Übergang. Also kannst du beim Spazierengehen üben, mit anderen Umständen umzugehen.

Der Erwachende steht ja in seinem Übergang oft vor der Situation, dass er jetzt gerade nicht weiß, was er tun soll. Das ist eine perfekte Gelegenheit für einen Spaziergang. Und oft steckt er in seinen Gedanken über irgendwelche Themen fest. Die nächste perfekte Gelegenheit für einen Spaziergang!

Beitrag des Moments

Letzten Freitag bin ich relativ spontan nach Wien gefahren, ich hatte das wenige Tage zuvor für mich beschlossen. Da gab es eine Vorgeschichte. Teres a hat sich vor wenigen Monaten auf Shaumbra Österreich angemeldet und einen Kommentar geschrieben, der mich sehr berührt hat. In der Folge haben wir in größeren Abständen ein paar Mails ausgetauscht. Einmal schrieb ich ihr, dass ich bei meinem nächsten Wienbesuch gerne mit ihr auf einen Kaffee gehen wollte.