Reden und schreiben

Sprich mit dir selbst, rede mit dir. Und zwar laut, nicht in Gedanken. Mit deiner Stimme, so, als ob du mit einem anderen Menschen reden würdest. Ich meine nicht, dass du schreien sollst, ich meine deine normale Sprechstimme und Lautstärke.

Wenn du das nicht gewohnt bist, kommst du dir am Anfang wahrscheinlich ziemlich seltsam vor. Das ist kein Wunder, denn in unserer Gesellschaft werden Selbstgespräche als etwas Abnormales abgetan. Jemand, der mit sich selbst redet, ist wohl ein bisschen verrückt. Diese Stigmatisierung ist ein vortreffliches Instrument, um die Trennung zu manifestieren und aufrecht zu erhalten.

Wenn du mit dir redest, sprichst DU. Ich meine, es spricht Gott, dein göttliches Selbst. Vielleicht nicht immer, aber es kommt immer wieder durch. Sprich deine Gedanken aus, sage, was du fühlst, wie es dir geht, was dich bedrückt, worüber du dich freust. Sprich alles aus, was sonst nur in deinen Gedanken vorkommt.

Es könnte leicht sein, dass du beim Reden mit dir selbst wahre Wunder erlebst. Plötzlich hörst du dich eine Lösung für etwas aussprechen, was dir schon lange Zeit Sorgen bereitet. Oder du redest auf einmal über etwas ganz anderes, als du eigentlich vorhattest. Und du merkst, dass dieses andere Thema viel wichtiger für dich ist als das ursprüngliche. Oder du redest einfach nur so vor dich hin, und auf einmal wächst eine tiefe Erkenntnis in dir und bahnt sich ihren Weg an die Oberfläche.

Beim Erwachen geht es ja auch darum, eine wirkliche Beziehung zu dir selbst aufzubauen. Das Reden hilft dabei enorm, denn du redest jetzt einmal mit dir, nicht mit jemand anderem. Beim Reden stoppst du deine Gedanken. Die Gedanken sind ja unheimlich schnell und springen von einem Punkt zum anderen. Das Reden ist wesentlich langsamer. Wenn du einen Gedanken formulierst und ihn aussprichst, beschäftigst du deinen Verstand damit, die passenden Wörter zu finden. Damit kann er nicht schon wieder weiter springen. Du verlangsamst also deine Gedanken. Du sagst dir: „Halt, Moment, jetzt bleiben wir einmal stehen. Wie war das jetzt? Langsam, so dass ich es wirklich mitbekomme.“ Und so beginnst du einmal wirklich zu erfassen, was da an Gedanken in dir herumschwirrt. Und genau in diesen Pausen, in denen der Verstand nicht weiter springen kann, meldet sich deine Göttlichkeit zu Wort. Und dann sagst du auf einmal Sachen, die du nie gedacht hast, sie sprudeln einfach heraus. Und du stehst da und sagst: „Was war das jetzt? Was habe ich da gerade gesagt?“ Ah, Gott hat gesprochen!

Beim Reden gebrauchst du deine Stimme, und die ist sehr wichtig. Die Stimme hat mit Wahrheit zu tun, mit dem Sein und Ausdrücken deiner selbst. An der Stimme hört man schnell, ob jemand authentisch ist oder nicht, ob er etwas zurückhält oder ob er wirklich sich selbst ausdrückt. Mit deiner Stimme kannst du dich wunderbar mit dir selbst verbinden und dich selbst ausdrücken.

Beim reden mit dir selbst kannst du alles sagen, was du dich anderen Menschen nicht zu sagen traust. Dir selbst gegenüber brauchst du keine Geheimnisse und keine Scham haben. Es tut sehr gut, alles das auszusprechen, worüber man sonst schweigt, was man sonst hinunter drückt oder in sich hinein frisst. Und schon hast du den nächsten Vorteil des Redens: du bringst Dinge an die Oberfläche, die sonst weiter unter dahin schwelen. Sie sind aber da, und dann machen sie sich subtil und/oder unangenehm bemerkbar. Beim Reden lässt du sie raus und bringst sie in dein Bewusstsein.

Kryon empfiehlt an mehreren Stellen, täglich mit Gott zu reden wie mit einem guten Freund, wie mit seinem besten Freund. Ich habe das gemacht vor vielen Jahren, als ich mich von Phase 2 in Phase 3 bewegte. Damals war Gott für mich noch das große Wesen da oben. Ich kam mir schon sehr komisch vor am Anfang, das war total ungewohnt für mich. Aber gut, irgendwie wollte ich das. Ich setzte mich mit einem Kaffee an den Küchentisch und stellte mir vor, dass rechts vor mir Gott saß. Ich sagte mir, ich gehe jetzt mit Gott ins Kaffeehaus. Beim ersten Gespräch beklagte ich mich gleich einmal gründlich über all den Unbill, den ich erlebte. Gott war sehr verständnisvoll und großherzig. Bei ca. dem dritten Gespräch mit Gott war mir endgültig klar, dass ich da mit mir selbst sprach, dass dieser Gott ich selbst war. Das war meine Erkenntnis, dass ich Gott war und es kein Gotteswesen da oben gab. – Siehst du, so schnell können so fundamentale Erkenntnisse bei Selbstgesprächen entstehen.

Zögere nicht, dich beim Reden zu beklagen, zu beschweren, deine Wut herauszulassen und ähnliche Dinge, wenn dir danach ist. Bei deinen Selbstgesprächen musst du wirklich nichts zurückhalten. Schimpfe auf andere Leute, wenn du das so empfindest. Irgendwelche Regeln, wie du sein, denken und empfinden solltest, haben beim Reden mit dir selbst wirklich keinen Platz. Unterdrücke nichts. Oder plappere einfach vor dich hin. Mach es dir zu Angewohnheit, anstatt nur still zu sein und nur zu denken, all das, was in dir ist, auszusprechen. Du bekommst dadurch wirklich eine ganz andere Beziehung zu dir selbst und lässt vieles aus dir heraus, dessen du dir sonst gar nicht bewusst bist. Lass dich überraschen, was der Gott in dir zu sagen hat!

Beim Reden merkst du, wie du an manchen Stellen plötzlich tief atmen musst. Das sind die Stellen, die dich besonders berühren und bewegen. Hier siehst du auch schön, welche Bedeutung das bewusste Atmen hat. Und natürlich lässt sich ein ausgedehnter Spaziergang wunderbar mit ausgedehnten Selbstgesprächen kombinieren!

Das Schreiben hat im Grunde dieselbe Wirkung wie das Reden. Der Unterschied ist, dass manche Aspekte stärker in den Vordergrund treten, andere eher in den Hintergrund. Die Geschwindigkeit ist ein markanter Aspekt. Schreiben ist noch einmal ein gutes Stück langsamer als reden. Dein Verstand ist beschäftigt mit dem finden von Worten und mit dem Aufschreiben derselben. Die Zwischenräume, in denen dein göttliches Selbst hervortreten kann, sind noch größer. Großartig! Du bist noch stärker auf das Wesentliche fokussiert als beim Reden. Die Wahrscheinlichkeit, dass etwas völlig anderes als beim bloßen Denken herauskommt, ist noch größer. Mit anderen Worten, du drückst dich selbst aus, du drückst dein wahres Selbst aus. Da entstehen die Überraschungen, da bist du plötzlich mit deiner eigenen Weisheit konfrontiert. Und dann kannst du staunen darüber, wie weise du wirklich bist! Und denke daran: Eine Erkenntnis, die du aus deiner eigenen Weisheit findest, ist tausend Mal wertvoller als eine, die du gehört oder gelesen hast!

Schreibe kein Tagebuch im herkömmlichen Sinn. Schreibe nicht auf, was du erlebt hast, was alles so vorgefallen ist. Natürlich, einzelne Ereignisse sind von Bedeutung, aber das spürst du dann eh. Schreibe stattdessen auf, was du fühlst, was du wahrnimmst, was du empfindest. Es gilt dasselbe wie beim Reden. Schreibe auf, was in dir ist, was dich beschäftigt. Durch den beschriebenen Effekt, dass hier dein wahres Selbst zum Vorschein kommt, sind die größten Überraschungen sehr wahrscheinlich. Mir geht es fast immer so, dass beim Schreiben etwas ganz anderes herauskommt, als ich ursprünglich angedacht habe. Der Mensch tritt eben in den Hintergrund, der Gott in den Vordergrund.

Den Aspekt deiner Stimme gibt es beim schreiben nicht. Aber du kannst ja kombinieren! Du kannst das aussprechen, was du schreibst. Oder du kannst einfach deine Selbstgespräche führen und manche Dinge, die dir sehr wesentlich erscheinen, aufschreiben. Somit hast du das Beste von allem.

Sowohl für das Reden als auch für das Schreiben gilt, dass sie zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich angebracht sein können. Ich hatte lange Phasen, in denen ich beides sehr intensiv betrieben habe, dann wieder andere, wo ich kaum etwas oder nichts davon tat. Zwinge dich zu nichts. Ich halte es für wichtig, alle Hilfsmittel einmal auszuprobieren, damit du erfährst, wie sie sich für dich anfühlen und was sie bewirken. Es ist wie mit dem Essen. Du kannst nicht sagen, dass dir Sushi nicht schmeckt, wenn du es noch nie gegessen hast. Du musst es essen um zu wissen, ob du es magst. Mitunter mehrere Male, denn beim ersten Versuch könntest du schlecht zubereitetes Sushi erwischen. Probiere also die Hilfsmittel aus, auch wenn sie dir seltsam oder unbrauchbar vorkommen. Und danach lass dich von deinen Impulsen und Gefühlen leiten, zu welchem Hilfsmittel du jetzt greifen möchtest.

Beitrag des Moments

Letzte Nacht träumte ich, ein Führer zu sein. Das war ein überraschender Traum, denn ich hatte mir vorgenommen, etwas anderes zu träumen. Ja, das funktioniert erstaunlich oft, dass ich mir vornehme, im Traum etwas Bestimmtes zu verarbeiten, und es dann tatsächlich passiert. Auf einer Ebene, die mir bewusst ist.