IN MIR

Letzte Nacht hatte ich einen, hm, naja, schlimmen aber auch irgendwie schönen Traum. Einen Alptraum mit erfreulichem Aspekt. Obwohl mir der Traum in der Nacht sehr bewusst war, sind mittlerweile viele Details verblasst. Aber das Wesentliche ist da.

Die handelnden Personen: mein Vater, meine Mutter und ich. Die Rollenverteilung: mein Vater mimt den Bösewicht, meine Mutter das Opfer und ich, tja ich bin eine Mischung aus mehreren Rollen, eben ganz ich. ;-) Ich bin ein Opfer, das aus seiner Opferrolle raus will und sich auflehnt, Widerstand leistet. Andererseits bin ich weder Opfer noch Täter, sondern einfach ein Mensch, der seinen Weg eingeschlagen hat und sein Leben lebt. Nicht wirklich ein bewusster Schöpfer, aber doch irgendwie Schöpfer.

Der Schauplatz: ein eher kleiner Raum, weitere Details unbekannt. Es ist kein Raum irgendeiner Wohnung, die wir je bewohnt hatten. Die Besonderheit: Meine Eltern haben das Alter von vor ca. 25 Jahren, ich bin so alt wie heute.

An das Vorspiel erinnere ich mich nicht mehr, nur mehr an den Höhepunkt. Meine Mutter macht meinen Vater durch irgendwas und nichts sehr zornig. Mein Vater ist wirklich sehr aufgebracht und wütend, eine Explosion kündigt sich an. Ich sehe, wie er so etwas Ähnliches wie eine Ohrfeige vorbereitet. Es ist aber keine Ohrfeige, sondern irgendein unbekannter, nicht nachvollziehbarer Schlag ins Gesicht, von der Seite ausgeführt. Ein sehr schmerzhafter Schlag. (Ich möchte anmerken, dass ich mich nicht erinnere, dass mein Vater jemals handgreiflich gegen meine Mutter wurde.) Meine Mutter verkrümelt sich in eine Ecke und wimmert. Mein Widerstand tritt auf den Plan. Meine Situation ist auch so, dass ich mich der Gewalt und der Willkür meines Vaters ausgesetzt fühle und da nicht richtig raus kann. Außerdem ergreife ich Partei für meine Mutter, das arme Opfer, die noch viel schwächer ist als ich. Ich stelle mich zwischen Vater und Mutter, verunmögliche weitere Schläge und möchte selbst auf meinen Vater einschlagen. – Ich weiß nicht mehr, ob ich es auch wirklich tat.

Mein Vater rastet vollends aus, damit hat er nicht gerechnet, seine Wut wächst ins Unermessliche. Er wendet sich nun gegen mich, möchte mich schlagen mit Händen und Füßen, mit Armen und Beinen, möchte mich niedermachen, brechen, zerkleinern. Ich gehe nicht mehr gegen ihn vor, möchte ihn nicht mehr schlagen, ich achte nur noch auf meine Verteidigung. Und die gelingt erstaunlich gut! Ich wehre jeden Schlag meines Vaters mit meinen Händen und Füßen ab. Dabei fühle ich nicht einmal einen Schmerz, das Abwehren tut nicht weh. Kein einziger Schlag meines Vaters trifft mich. In dieser Situation werde ich immer mächtiger. Ich merke, dass ich vollkommen geschützt bin und beinahe spielerisch alles abwehren kann, was auf mich einprasselt. Mein Vater ist chancenlos. Doch trotz meiner Macht ist eine fast lebensbedrohliche Gefahr unmittelbar vor meiner Nase.

Es geht weiter. Die Unfähigkeit meines Vaters, mich zu verletzen, wächst. Immer häufiger muss ich seine Schläge nicht mehr abwehren. Es ist, als ob unsichtbare Stangen zwischen uns entstanden wären. Wenn er zu einem Tritt ausholt, knallt sein Schienbein gegen so eine Stange, er tut sich fürchterlich weh, ich komme gar nicht mehr dazu, seinen Tritt abwehren zu müssen. Mein Vater wird immer bewegungsunfähiger und verletzt sich selbst bei jedem Versuch, auf mich einzuschlagen.

Parallel dazu läuft der Konflikt zwischen meinen Eltern weiter, ich weiß aber keine Details mehr. Im Traum ist meine Mutter deklariert masochistisch und devot. Wir alle wissen, dass sie freiwillig und erklärter Maßen ein Opfer ist. Im Gegensatz zum Masochisten und Devoten, der Vergnügen und Ekstase aus seinem Schmerz zieht, tut meine Mutter das nicht und leidet fürchterlich.

Ich bin weder masochistisch noch devot und leide auch. Obwohl ich mich einigermaßen erfolgreich gegen meinen Vater aufgelehnt habe und immer mehr die Oberhand gewinne, fühle ich mich wie ein Gefangener. Ein Gefangener, der sich anschickt, eine Gefängnisrevolte anzuzetteln, der aber noch immer in seinem Gefängnis sitzt.

In meinen Vater integriert ist auch noch die Person eines ehemaligen Arbeitgebers von mir. Dieser Arbeitgeber ist ebenfalls ein Mann, der gerne über andere herrscht. Ich arbeite im IT-Bereich und entwerfe Web-Applikationen, so wie ich es jetzt – nebst meinen anderen Tätigkeiten – auch mache. Mein Vater testet und überprüft eine neue Applikation, die ich soeben fertig gestellt habe. Schon nach einem Blick und einem Mausklick schreit er: „Wieso funktioniert das schon wieder nicht?!“ Ich frage „Was?“ und empfinde eine Mischung aus Schuld und Auflehnung. – Diese Handlung spielt weder vor noch nach der zuvor geschilderten, alles ist irgendwie parallel und gleichzeitig.

Wie schon seit mindestens einem Jahr war ich mir des Traumes voll bewusst. Der Unterschied zwischen Traum- und Wachbewusstsein verschwimmt bei mir immer mehr. Ich konnte im Traum mit meinem vollen Bewusstsein entscheiden, was ich nun tun wollte. Ich entschied, der Traum ging dem entsprechend weiter. Ich bin im Traum nicht mehr der, der ihn einfach nur erlebt, ich bin bewusster Akteur. Solch bewusste Träume sind bei mir mittlerweile eher die Regel als die Ausnahme.

In der Situation, als mein Vater zunehmend hilflos auf mich einzuschlagen versucht, entsteht eine Stimme in mir und sagt, ziemlich laut und deutlich: „IN MIR!“ Plötzlich wird mir völlig klar, dass ich nicht meine Eltern erlebe, dass sie überhaupt nicht da sind. Mir wird klar, dass da in mir ein Konflikt abläuft und ich die Bilder meiner Eltern gewählt habe, um eine anschauliche Szene daraus zu machen. Ich bin nicht Beobachter eines Konfliktes meiner Eltern, in den ich eingreife, sondern ich inszeniere ein Schauspiel, um einen Konflikt in mir darzustellen. Das ist die eine Seite. Gleichzeitig wird plötzlich völlig deutlich, was Eltern mit ihren Kindern anstellen, ohne es bewusst zu wollen. Mir wird klar, wie im Kind die Aspekte der Eltern entstehen und welchen Einfluss sie auf das Leben des Kindes haben. Das Kind kann sich von diesen Aspekten nicht befreien, und die meisten Erwachsenen auch nicht. Sie spielen Konflikte ohne die geringste Ahnung, warum.

IN MIR, sagte die Stimme, meine Stimme. Denn ich war es, der das gesagt hat. Schweißgebadet wachte ich auf.

„Eh klar“, wirst du sagen, „das wissen wir doch alle schon längst, dass das ganze Leben sich nur im Menschen abspielt, nicht außerhalb. Und die Sache mit den Aspekten rauchen wir schon in der Pfeife.“ Ja, eh klar, das wusste ich auch alles. Doch es zu wissen, ist die eine Sache, es zu erleben und es solcherart bewusst zu erfahren, eine andere. Dadurch gewinnt das Wissen eine ganz andere Dimension.

Es war 5 Uhr, ich hatte erst ca. zwei Stunden geschlafen. Ich stand auf und rauchte eine Zigarette. Das ist eine Ausnahme. Ich wollte den Traum noch einmal, noch bewusster erleben, wollte ihn auch in meinen Verstand bringen. Ich hatte Drama, Zwang und Kampf erlebt, das war die unschöne Komponente. Ich hatte aber auch den Beginn einer Befreiung erlebt, das war die schöne Komponente. Sofort drängte sich mir ein Zusammenhang mit einer Entscheidung auf, die ich ein paar Stunden davor, vor dem Schlafengehen, getroffen hatte.

Ich hatte mich entschieden, meine Wohnung zu kündigen. Und zwar einfach so, ohne zu wissen, wo ich danach wohnen soll. Das ist eine Premiere, so etwas habe ich noch nie gemacht. Gestern machte ich eine Arbeitspause und drehte den Computer nicht auf. Seit langer Zeit las ich wieder einmal in einem Buch, das ich aber schon kannte. Im Zuge der Arbeit an meinem aktuellen Buch Spirituelle Revolution verstärkte sich in den letzten 10 Tagen immer mehr der Wunsch, besagtes Buch noch einmal zu lesen. Am Abend kam ein Punkt, an dem ich nicht mehr weiterlesen konnte, weil in mir etwas in Bewegung geraten war, und zwar heftig. Ich spürte, dass ich dieser Bewegung nachgehen musste. Schon bald kam der Gedanke: „Die Wohnung kündigen?“ Ich ließ ihn wachsen und spielte mit ihm herum. Stundenlang. Dabei redete ich natürlich, weil es dieser Selbstausdruck, dieses Externalisieren ist, das mir die Dinge klar macht, indem es meine göttliche Stimme hervor bringt.

Seit ein paar Jahren taucht der Wunsch nach einem Wohnungswechsel immer wieder auf, manchmal recht intensiv. Seit geraumer Zeit fühle ich mich dort nicht mehr richtig wohl. Ich wohne da seit 17 Jahren, ich habe in dieser Wohnung viel erlebt, das meiste davon ist alt. Doch ich will das Neue. Über die Zeit empfinde ich die Wohnung immer mehr als Belastung, es kommt mir vor, als ob dort all das Alte von mir steckt, das endlich sterben will und muss. Ich habe das Gefühl, dass diese Wohnung der Kokon ist, den ich endlich verlassen muss – und vor allem will!

Zurückgehalten hat mich meine unsichere finanzielle Lage. Ich wusste nicht, wo ich das Geld für eine neue Wohnung hernehmen sollte. Also sagte ich mir immer wieder vor: Die Wohnung ist komfortabel, von ein paar Ausnahmen abgesehen auch recht schön. Sie ist günstig, so eine günstige Wohnung finde ich nicht mehr. Sie liegt sensationell gut, ich komme gut mit meinen Nachbarn aus, sie sind alle sehr nett zu mir. Ich habe hier alles, was ich brauche. Ich habe sehr viel Geld und Arbeit investiert, um die Wohnung so zu gestalten, wie sie jetzt ist. Usw. usf.

Ich habe ein paar Mal versucht, die Entscheidung Wohnungswechsel zu treffen. Und immer stellte ich mir einen konkreten Weg vor: Ich müsste zuerst etwas anderes, besseres finden, bevor ich kündige. Letztes Jahr habe ich sogar eine zeitlang eine Wohnung gesucht, aber nichts Passendes gefunden. Letztes Jahr passierte noch etwas. Ich geriet mit der Miete in Rückstand und musste ein paar Monate später eine enorme Anstrengung aufbringen, um den Rückstand wieder auszugleichen. Vor zwei Jahren unternahm ich eine große Anstrengung, um aus der alten Küche eine neue zu machen, damit mir die Wohnung wieder bewohnenswert erschien.

Gestern Abend fühlte ich das Alte in meiner Wohnung, das ich abstreifen will. Ich sah die Anstrengungen vor mir, mit denen der Erhalt des Alten verbunden war. Im Vergleich dazu schien mir die Kündigung sehr einfach und elegant. Die Unsicherheit, innerhalb der nächsten sechs Wochen keine andere Bleibe zu finden, trat in den Hintergrund. Dennoch hatte ich mich nicht gänzlich entschieden. Ich fühlte deutlich, dass ich die Entscheidung in meinem Inneren bereits getroffen hatte, hatte sie aber nicht ausgesprochen. Erst mit dem Aussprechen treffe ich die Entscheidung voll bewusst mit meinem ganzen Wesen. In diesem Zustand der Fast-Ganz-Entscheidung war ich schlafen gegangen.

Dann kam dieser Traum. Als ich rauchend in der Küche saß, war der Zusammenhang für mich einfach evident. Der Kamp mit meinem Vater symbolisierte meinen Befreiungskampf aus dem Alten heraus. Der ehemalige Arbeitgeber steht ebenfalls für sehr viel Altes. (Natürlich lag meine Zeit in dieser Firma in der Zeit meiner Wohnung.) Im Traum fühlte ich zwar meine Auflehnung und meinen Befreiungsversuch, der in Ansätzen erfolgreich war, aber ich fühlte mich ja auch wie ein Gefangener, der noch immer in seinem Gefängnis saß. Das war die Entscheidung, die ich noch nicht ganz getroffen, noch nicht ausgesprochen hatte.

Um 5 Uhr in der Küche sitzend und den Traum noch einmal erlebend wurde mir wohl. Danach ging ich wieder ins Bett, um wirklich zu schlafen.

Heute beim Frühstück kam die Bewegung. Nach Kaffee und Semmel begann ich, meine Gedanken und Gefühle zur Kündigung aufzuschreiben. Die Bewegung wurde immer heftiger. Vor dem Frühstück ging ich noch schnell ein paar Sachen einkaufen. Da traten die erhaltenden Kräfte auf die Bühne. Wie mir die Gegend gefällt! Wie ich diese schöne, lange Fußgängerzone mit all ihrem Leben liebe! Mein geliebtes Stammcafé! Und so weiter. Ich schrieb das alles auf. Und ich schrieb meine Gedanken vom Vorabend auf. In mir tobte ein Orkan! Ich konnte deutlich die starke Bewegung wahrnehmen und sah förmlich das Bild vor mir, wie ich mich aufrichte und dadurch die Schale, die mich umgibt, zum Bersten bringe.

Und wieder dachte ich: IN MIR.

Beitrag des Moments

Ein neues Kapitel in den Lehren, das darauf eingeht, was nach der Erleuchtung kommt. Göttlich und menschlich gleichzeitig zu sein kann für den Menschen eine geraume Zeit ganz schön verwirrend sein und ihn ratlos machen.