Ich mache mich nicht mehr klein

Vor langer Zeit, in einem uralten Leben, als ich selbst noch tief geschlafen habe, war ich meistens ein durchaus aufgeweckter Mensch. In den Phasen, in denen ich nicht nachgedacht habe, plapperte ich einfach heraus, was in mir war, was mir so einfiel. Manchmal sorgte das für positive Überraschung oder herzliches Lachen bei meinen Mitmenschen. Aber oft führte es zu harschen Reaktionen, ich kriegte eins auf die Finger, ich wurde zurückgepfiffen und in die Schranken gewiesen. Nun, das kennen wohl die meisten Menschen aus ihrem eigenen Leben.

Meine Reaktion war dann immer die, dass ich mich sofort entschuldigt habe und kleinlaut wurde. Bloß nicht anecken, bloß nichts falsch machen! Die anderen hatten natürlich immer recht. Jeder Rückzug bedeutete Selbstunterdrückung, und im Lauf der Zeit perfektionierte ich diese. Immer öfter dachte ich nach, bevor ich etwas sagte. Ich wollte vermeiden, wieder eins auf die Finger zu kriegen. Ich konnte wirklich viele Dinge wirklich gut, aber ich habe nie gesagt, dass ich dieses oder jenes gut konnte. Das wäre ja überheblich gewesen. In der Regel sagte ich es nicht nur nicht, sondern ich dachte es nicht einmal. Ich wollte immer besser werden, zB am Arbeitsplatz, damit niemand Anlass zur Kritik hatte. Viele bemerkten und sagten das auch, aber Manche fühlten sich dadurch gefährdet und bedroht, also wurde ich wieder zurückgepfiffen.

Später, als mein Erwachen begann, machte ich mich gleich von Haus aus klein. Da waren all diese spirituellen Größen, die so viel wussten und so viel konnten! Ich war der kleine Anfänger, der keine Ahnung von irgendwas hatte. Und da waren die weisen Engel und noch weiseren Erzengel, und gegen Gott, an den ich Anfangs noch glaubte, war ich sowieso ein Nichts. Ich war also der letzte Dreck in der ganzen Hierarchie.

Gleichzeitig tauchte aber ein Gespür in mir auf, eines, das ich von früher nicht kannte. Und dieses Gespür sagte, ich sei etwas Besonderes. Ich bin lange Zeit nicht klar gekommen mit diesem Gespür und wischte es meistens wieder weg. Ich blieb lieber klein. Dennoch, je länger der Prozess des Erwachens andauerte, desto mehr verschwand die Größe der anderen, inklusive Engel und Gott.

Der Tag meiner Erleuchtung (vor neun Jahren und vier Tagen) brachte die endgültige Klarheit. Es war ein gewaltiges Erlebnis, und ich war so groß wie nie zuvor.

Dennoch merkte ich in den folgenden Monaten, dass mein Selbstwert dadurch nicht automatisch vollständig repariert war. (Anders als meine Liebe zu mir selbst, die ich in der Erleuchtung so übergroß gespürt habe, dass sie nie wieder verschwunden ist.) Meine offenen Themen wurden in diesen Monaten so schnell an die Oberfläche gespült, dass ich aus dem Staunen nicht herausgekommen bin.

Eines dieser Themen war meine Größe. Es fiel mir durchaus nicht leicht, meine Größe einfach so anzunehmen, aber sie drängte sich immer wieder auf. (Am Ende dieses Textes findest du unter Siehe auch zwei alte Blogeinträge, die dieses Thema behandeln.) Fast unmittelbar nach meiner Erleuchtung wurde ich im Internet aktiv, ich erstellte meine erste Website. Und da wurde ich gefordert, zu meiner Größe zu stehen.

Immer wieder bekam ich Kritik: „Du bist gar nicht erwacht. Du bist hochnäsig und überheblich. Du bist ein Besserwisser. Du willst nur Menschen reinlegen und verführen.“ Und so weiter. Diese Kritik hat mich damals nie kalt gelassen, sie hat mich immer wieder getroffen. Mein reaktives Muster des klein Beigebens war noch da, noch vor ziemlich kurzer Zeit hat es mich am Überleben gehalten.

Dennoch war nun etwas anders: ich war erleuchtet, ich wusste, wer ich wirklich bin. Und mit diesem Wissen und dem Gefühl dieses Wissens konnte ich meine wahre Größe nicht mehr zurückhalten. Es ging einfach nicht. Eines Tages habe ich geschrieben: „Ich bin das strahlendste Wesen des Universums!“ Ich habe das wirklich so empfunden, gefühlt, gespürt, gesehen. Und ich wollte und konnte mich nicht mehr zurückhalten, ich konnte mich nicht länger klein machen. Bevor ich diese Worte veröffentlicht habe, hatte ich noch intensiv meinen Kopf bemüht. „Wenn ich das veröffentliche, fallen sie noch mehr über mich her. Oder sie verlassen meine Website und kommen nie wieder. Oder beides. Ich will aber weiter diese Website haben, ich könnte viel verlieren. Und ich will mir nicht ständig diese Kritik anhören. – Aber egal, es muss raus. Es muss einfach raus!

Was wäre die Alternative gewesen? Weiter mich zurückhalten? Weiter nicht meine Wahrheit sagen? Mit anderen Worten, weiter klein bleiben und weiter mich selbst unterdrücken. Das ist aber keine Option für einen Gott. Auf ewig ein kleiner Mensch bleiben, der den anderen eh nicht auf die Zehen tritt. Und was ist mit meinen Zehen? Nein, das will kein erwachender und erst recht kein erleuchteter Mensch.

Das Spiel des Kritisierens und Anfeindens wurde so in den Jahren 2010 und 11 gespielt, und es prallte immer mehr an mir ab. Es führte nur dazu, dass ich immer deutlicher zu mir selbst stand. Und das war für mich auch der Sinn dieses Spiels. (Ich muss dazu sagen, dass sich nur eine Minderheit der Menschen, die zu mir fanden, so benahmen. Die große Mehrheit war recht glücklich mit meinem Selbstausdruck.) In den Jahren 12 und 13 verstummte dann die Kritik folgerichtig fast ganz. Erwachende hatten dann doch irgendwann etwas Besseres zu tun als wegen mir Drama zu machen. Dann folgte mein Rückzug, und in den letzten zwei Jahren ist der Versuch, mich klein zu machen, fast ganz aus der Welt. Es würde auch nicht einmal mehr in den kleinsten Ansätzen funktionieren.

Lange Zeit galt aber für mich, dass ich meine Wahrheit nur im Kreis bewusster Menschen sagte. Im Umgang mit der schlafenden Mehrheit war ich immer noch zurückhaltend und sehr diplomatisch. Ich wusste ja immer, dass sie keine Chance hatten, mich auch nur ansatzweise zu verstehen. Das ging so weit, dass ich nur sehr verschwommen sagte, was ich eigentlich so mache, wenn ich danach gefragt wurde. „Ich schreibe Bücher über Bewusstsein“, war so eine Standardantwort von mir. Doch irgendwann hielt ich auch das nicht mehr aus. Und ich verlor jede Scheu, ich erzähle jedem, dass ich erleuchtet bin, egal, ob er es hören will oder nicht, ob er etwas damit anfangen kann oder nicht. Und siehe da, seitdem lebe ich viel besser als vorher! Endlich gar keine Zurückhaltung mehr, wie befreiend! Und es funktioniert großartig. Die meisten Menschen tun so, als ob sie mich nicht verstanden hätten, und fragen nicht weiter nach. Und ein paar sind sehr interessiert und wollen mehr wissen.

Ganz allgemein wollen Menschen andere klein machen, weil sie sich selbst unglücklich fühlen. Ob schlafend, erwachend oder erleuchtet. Sie möchten sehen, dass der andere ebenso große Probleme hat wie sie selbst, dass er ungelöste Fragen und Aufgaben hat und auch unglücklich ist. Sie wollen andere in ihre (gefühlt kleinere) Welt ziehen, damit sie auf Augenhöhe mit ihm reden können und nicht das Gefühl von ungleichen Ebenen haben. Mit anderen Worten, sie wollen spüren, dass sich der andere genauso klein fühlt wie sie selbst. - Ich bin da leider der völlig falsche Ansprechpartner. wink

Vor ein paar Tagen hatte ich ein Déja-vu-Erlebnis. Ich traf mich mit einer Frau, wir wollten uns über unsere Erfahrungen mit der Erleuchtung austauschen. Nach einiger Zeit bemerkte ich, dass sie sich scheinbar zunehmend unwohl fühlte, und etwas später sprach ich das an. Und dann hörte ich die altbekannten Vorwürfe: ich sei überheblich, eine Besserwisser, ich brauche wohl eine Projektionsfläche, ich würde sie übergehen und dergleichen mehr. Ich hörte auch gleichzeitig den Vorwurf, dass ich nichts über mich erzählen würde, und dass sie meine Erfahrungen nicht mochte, weil sie sich für sie großkotzig anhörten. (Mit meinen Erfahrungen habe ich sehr viel über mich erzählt …)

Wie auch immer, die Details sind egal. Ich sah dasselbe Muster wie bei den anderen Menschen, von denen ich hier geschrieben habe. Und ich spürte mein ehemaliges Muster, mich wieder zurückzuziehen. Aber das ist natürlich längst passé, ich mache mich nicht mehr klein.

Es ist vielleicht für manche Menschen schwer zu verstehen, und für einige noch schwerer zu akzeptieren, vor allem dann, wenn sie mir direkt gegenüber sitzen, aber:

Ich bin erleuchtet, ich habe erfahren und erkannt, wer ich wirklich bin. Ich liebe mich selbst so sehr, dass ich keine Liebe von irgendeinem anderen Menschen brauche. Ich habe die Gewissheit und die Festigkeit, ich habe keine Zweifel. Ich habe keine Probleme. Ich liebe meine Erfahrungen, weil ich selbst sie mir geschenkt habe, und ich habe alles großartig hingekriegt. Ich bin nicht allwissend aber weise, und ich liebe meine Weisheit. Ich vermute nicht und rate nicht, stattdessen sehe ich. Mein Mitgefühl (= mein Verständnis) ist grenzenlos, deshalb sehe ich sehr schnell schwelende Wunden bei anderen Menschen.

Das alles ist normal bei einem erleuchteten Wesen, vor allem wenn es schon länger erleuchtet ist. Und ich mache mich nie wieder kleiner, als ich bin. Und ja, ich bin das strahlendste Wesen in der gesamten Schöpfung. Das trifft auch auf jeden anderen Menschen zu, bloß sind sich fast alle dessen überhaupt nicht bewusst.

Ich bin nicht ansatzweise überheblich, ich bin nur nicht mehr klein. Aus der Gewissheit und Festigkeit heraus zu sprechen und zu handeln hat mit Überheblichkeit überhaupt nichts zu tun. Das ist wie mit großen und kleinen Hunden. Kleine Hunde bellen sehr viel, große kaum. In dieser Metapher ist ein überheblicher Mensch ein kleiner Hund, der feste Mensch ein großer.

Beitrag des Moments

Erwachende wähnen sich oft und gerne in der Vorstellung, dass sie eine lineare Entwicklung in Richtung Erleuchtung vor sich hätten. Und sie glauben auch gerne, dass sie etwas falsch gemacht oder nicht hingekriegt hätten, wenn in der Vergangenheit etwas nicht linear verlaufen ist. Die Vorstellung und die Erwartung der Linearität ist völlig falsch, und das Festhalten dieses Glaubens kann verdammt weh tun.

Der Prozess des Erwachens ist nicht linear.