Ich habe beschlossen zu sterben

Vorige Woche traf ich eine Shaumbra aus der Steiermark. Sie hatte in Wien zu tun, schrieb mir ein Mail, und wir nutzten die Gelegenheit, uns kennen zu lernen. Unter vielen anderen Themen, über die wir redeten, erzählte sie mir ihre Lebensgeschichte. Natürlich nicht ihre ganze Geschichte, sondern den Teil, den ich mit der Rubrik Lebensgeschichte meine. Also wie sie zu ihrem jetzigen Weg kam, welche Erlebnisse besonders ausschlaggebend waren. Eine sehr schöne Geschichte übrigens. Bei dieser Geschichte kam sie in eine Situation, die tatsächlich lebensbedrohlich für sie war. Sie hätte dabei sterben können. In diesem Moment stand eine Frage vor ihr: „Bist du bereit, dafür zu sterben?“ Dafür heißt, für das Neue in ihr, für ihren neuen Weg.

Dieser Satz, diese Frage traf mich mehr als alles andere, sodass meine Aufmerksamkeit eine Zeit lang weniger bei ihrer Geschichte lag als bei dem, was diese Frage in mir auslöste. „Bist du bereit, dafür zu sterben?“ Schon wenige Sekunden, nachdem sie diesen Satz gesprochen hatte, assoziierte ich sterben nicht nur mit dem physischen Tod. Ich dachte an meine menschliche Existenz, an das, was meine menschliche Existenz ausmacht. Mit anderen Worten, an meine Identität. Oder besser gesagt, meine Identitäten.

Noch in derselben Nacht stellte ich mir wiederholt die Frage: „Bin ich bereit, dafür zu sterben?“ Am nächsten Tag wieder. Zunächst waren meine Antworten zögerlich. „Ja, ich würde gerne, aber ich traue mich noch nicht so richtig.“ Ich ließ die Bilder meiner Identitäten deutlicher in mir aufsteigen. Die, die sich am stärksten aufdrängte, war die älteste. Sie sieht in etwa so aus:

Schon als kleines Kind, solange ich mich zurück erinnere, wurde mir von allen Menschen in meiner Umgebung Folgendes gesagt: Ich bin unwahrscheinlich intelligent, talentiert (für alles Mögliche) und ein unglaublich strahlendes Wesen. Ich war der Sonnyboy, jeder mochte mich, jeder schätzte meine Talente und Fähigkeiten. Ich konnte einfach alles. Alles, was ich in die Hand nahm, gelang. So war das vor der Schule, in der Volksschule, im Gymnasium, an der Universität, an jedem Arbeitsplatz. Und natürlich in allen Freundeskreisen, die ich zur jeweiligen Zeit hatte. Alle Menschen wandten sich mit allen Fragen und Problemen an mich. Völlig egal, worum es ging. Denn ich wusste alles und konnte alles. Ein Freund von mir nannte mich einmal seine alles wissende Müllhalde. Das fand ich witzig. Müllhalde deshalb, weil er sich nicht mit unnötigem Wissen aufzuladen brauchte, er hatte ja mich. Bei mir ist alles deponiert. Müllhalde. Wie treffend! cheeky An jedem Arbeitsplatz wurden die schwierigsten Aufgaben mir übertragen. Das ging soweit, dass die Firmen manche Aufgaben überhaupt nicht übernommen hätten, wenn ich nicht da gewesen wäre. In der Folge versuchten manche Firmen Druck auf mich auszuüben, wenn ich sie verließ. Sie schilderten mir in den buntesten Farben, dass die Firma in Konkurs gehen würde, wenn ich nun ginge, und dass das dann meine Schuld wäre. Ähnlich erging es mir in Partnerschaften.

Diese Identität, ich nenne sie kurz Alleskönner, war natürlich wunderbar. Sie gab mir immer wieder ein mächtig gutes Gefühl. Ich wurde allerorts geschätzt und geehrt für meine Fähigkeiten und meine strahlende Energie. Ich war sooo gut und sooo groß und sooo weise! Also liebte ich diese Identität. Sie erhob mich. Auf der anderen Seite wurde ich natürlich immer einsamer. Als ich jung war, so um die 20, war ich großteils von ebenso jungen Menschen umgeben. Die haben noch weniger Ängste und fühlen sich selbst noch stärker. Damals war ich also gern gesehen, jeder gab sich gern mit mir ab. Später, als ich und meine Umgebung älter wurden, waren wir alle sensibler und verletzter. Wer möchte da schon mit einem „perfekten“ Menschen zusammen sein? Der zeigt einem doch nur, wie klein und unfähig man selbst ist. Ein Freund von mir hat mir das vor ein paar Jahren einmal klipp und klar ins Gesicht gesagt. Also kamen die Menschen immer mehr nur dann zu mir, wenn sie Rat und Hilfe brauchten. Das war natürlich gut für meinen Alleskönner. Vor ca. 20 Jahren nannte mich eine Freundin einfach nur Mr. Perfect. (Wir hatten dann auch kurz eine intime Beziehung, denn sie suchte damals so einen Mann.) Ich gab Hilfe, und bekam natürlich nie eine. Denn welche Hilfe konnte ich denn schon brauchen?

Kannst du dir vorstellen, welch enormen Druck diese Identität für mich bedeutete? So sehr sie mir auf der einen Seite immer wieder ein sehr erhabenes Gefühl bereitete, so sehr drückte sie mich andererseits auf den Boden. Ich durfte nie versagen, ich musste immer alles richtig machen, ich musste immer alles besser wissen, ich musste immer Rat wissen, ich musste immer heiter sein, ich musste immer die anderen motivieren und und und. Aber was heißt hier versagen? Bei mir wurde es schon als Versagen gewertet, wenn ich etwas nur durchschnittlich gut hinbekam. Dann fragte sich schon die ganze Welt: „Was ist denn mit dem Reiner los? Von dem sind wir aber Besseres gewöhnt!“ Ganz zu schweigen von dem Drama, das ich in mir ablaufen ließ. Und wenn ich tatsächlich einmal etwas in den Sand setzte, folgte ein mittleres Erdbeben. Innen wie außen.

Ich möchte noch zwei Beispiele erzählen, die das Drama dieser Identität verdeutlichen.

Bei der Mathematik-Matura hatte ich bei einem völlig simplen Beispiel ein völliges Blackout. Ich konnte nicht mehr denken und hatte nicht die leiseste Ahnung, wie dieses Beispiel zu lösen war. Die Prüfer ließen mir viel Zeit. Also stand ich lange vor der Tafel und tat nichts. Ich war ein anerkanntes Mathematik-Genie und drohte nun durchzufallen. Ich dachte nicht etwa daran, wie schrecklich das für mich sein würde, wenn ich die Matura wiederholen müsste. Nein, ich dachte ausschließlich daran, was die anderen sagen und denken würden, wenn ich, der Alleskönner, versagen würde. Ich machte mir also nur Sorgen um meine Identität.

Viele Jahre später hatte ich an einem Arbeitsplatz einen sehr guten Freund und eine sehr bewegende und unmögliche Beziehung mit einer Frau. Eines Tages saß ich mit dem Freund im Café, wie so oft. Wir kamen auf meine Beziehung zu sprechen. Das Gespräch ging tief, schließlich begann ich zu weinen. Ich schluchzte nicht vor mich hin oder jammerte, es kullerten einfach einige Tränen aus meinen Augen. Doch das war zu viel. Ohne Worte stand der Freund auf und verließ das Lokal. Ich hatte nicht zu weinen, ich hatte perfekt zu sein!

Der Alleskönner war natürlich nicht meine einzige Identität. Im Lauf der Zeit baute ich bei Bedarf andere auf. ZB kam ich nach Beendigung meiner Berufslaufbahn immer wieder in ernsthafte finanzielle Nöte. Also baute ich eine Identität des Mittellosen auf. Die nähre ich natürlich auch immer wieder, was ziemlich fatal ist. ;-) Aber ich beschränke mich hier auf den Alleskönner, der ist mit Abstand am größten und stärksten. Ich habe ihn, solange ich denken kann. Er verleiht mir mehr als alle anderen meine menschliche, irdische Identität.

Als ich mir das alles so vor Augen führte, war die Frage „Bin ich bereit, dafür zu sterben?“ nicht mehr da. Am zweiten Tag nach dem Treffen mit der Shaumbra aus der Steiermark gab es nur noch einen Entschluss: Ich sterbe.

Ich habe beschlossen, zu sterben.

Wie erleichternd und befreiend das war! Ich muss nichts und niemandem mehr gerecht werden. Ich muss meine Energie in keine Fassade mehr stecken. Falco sang in seinem letzten Lied „Out Of The Dark“ die Zeile: „Muss ich denn sterben, um zu leben?“ Ja! Ich muss sterben, um zu leben. Es geht nicht anders.

Mir wurde auch sehr deutlich, dass meine Identität kein Wesen ist, das um sein Leben kämpft und mir Energie entzieht, um selbst am Leben zu bleiben. Nein, ich war der Aktive. Ich wollte diese Identität so lange am Leben erhalten, ich habe sie aktiv genährt. Sie stirbt ganz leicht und ohne Widerstand, wenn ich sie lasse.

Wie ich das alles so schreibe, kommt es mir ein bisschen anachronistisch vor. Waren wir nicht schon vor Jahren an dem Punkt, unsre Identitäten aufzugeben? Ja, aber. ;-) Mein Alleskönner begann zeitgleich mit der Neue-Energie-Serie massiv zu bröckeln. Wie du in meiner Lebensgeschichte sehen kannst, hatte ich damals noch keine Ahnung von Shaumbra und dem CC. Aber ich war dabei. So eine Identität verträgt sich ganz schlecht mit Neuer Energie. Unwissend kämpfte ich aber munter weiter, bis ich schließlich das völlige Burn-out hatte. Im Frühling 2006 habe ich beschlossen, einen großen Teil des Alleskönners gehen zu lassen. In der folgenden Zeit habe ich mich daran gewöhnt, als Spinner, Versager, Trauerweide u. dgl. gesehen zu werden. Und doch habe ich nie ganz von meiner Identität gelassen. Ich habe ihr teilweise nur neue Kleider angezogen. Das wurde mir in letzter Zeit sehr bewusst.

Und letzte Woche habe ich beschlossen, zu sterben.

Beitrag des Moments

Die Antwort lautet wenig überraschend: zu mir. Allerdings musste ich erst einen gewissen Grad an Bewusstheit erreichen, um wirklich zu begreifen, was zu mir bedeutet. wink