Fallen lassen

In letzter Zeit erlebe ich häufiger Situationen, die in etwa so aussehen:

Eins

Seit etlichen Wochen arbeite ich ziemlich viel. Es fällt mir nicht weiter auf, da es für mich keine Arbeit ist, so, wie man herkömmlich Arbeit versteht. Ich schreibe, ich erweitere den Shop, ich verändere und ergänze praktisch laufend etwas an meiner Homepage, ich mache ab und zu eine Beratung, ich schreibe Mails, seit einer Woche schreibe ich wieder ein Buch, usw. Ich mache das bis spät in die Nacht, fange aber auch erst spät am Tag an. Jeden Tag, sieben Tage die Woche. Alles ist einfach nur Ausdruck meiner Kreativität, daher in keiner Weise anstrengend und schon gar kein Stress.

Manchmal, vielleicht gar nicht so selten, falle ich in ein altes Muster. Ich denke daran, was ich alles zu tun habe, was ich morgen oder bis übermorgen alles zu tun habe. Ich habe es natürlich nicht zu tun, da spricht nur mein innerer Antreiber. Weil meine Ideen praktisch ins Unendliche sprießen, kommt da jemand und macht Druck. Im Vergleich zu früher einmal ist mir der Druck herzlich egal, dennoch gebe ich oft sanft nach.

Und dann kommt die Situation, von der ich spreche. Ich spüre zB, dass ich mich jetzt viel lieber aufs Bett legen und ein, zwei Stunden ein bisschen dösen würde. Und das tue ich dann auch. Ich mache so etwas natürlich schon lange, doch war es zuvor anders. Ich hatte früher einfach diesen Tagesablauf: ein bisschen arbeiten, ein bisschen schlafen, ein bisschen plaudern, wieder ein bisschen arbeiten … Wenn ich jedoch unter Kreativitätsdruck stand (lustiges Wort), wie zB bei der Erschaffung von Open Shaumbra, fielen Schlafen und Plaudern großteils aus, ich arbeitete wie besessen. Ich wollte in absehbarer Zeit fertig werden und die Kluft zwischen Ideen und Realisierung nicht zu groß werden lassen.

Jetzt ist es anders. Im Kreativitätsdruck spüre ich den Wunsch nach Pause und mache sie. Es ist mir dann egal, was ich noch alles vorhatte und wann ich eigentlich fertig werden wollte. Nichts spielt mehr eine Rolle, außer meinem Bedürfnis jetzt. Es ist ganz klar meine innere Stimme, die da spricht, und ich entscheide mich, ihr zu folgen. Wenn ich dann liege, ist alles egal. Nein, nicht alles, Meine Vorhaben und das Leben und Treiben rundherum sind egal. Das einzige, was nicht egal ist, ist, dass ich meinem Bedürfnis im Jetzt nachgekommen bin. Darüber freue ich mich, wenn ich liege, atme tief und genieße das Jetzt. Zukunft und Vergangenheit existieren nicht mehr. Ich sinke tiefer.

Zwei

Ich mache Dinge bewusster als früher. Das fällt mir vor allem bei den technischen Spielereien auf. Früher habe ich die Technik einfach als Werkzeug betrachtet. Das Wesentliche waren meine Ideen und deren Umsetzung, das Werkzeug musste funktionieren. Genauso, wie wenn ich eine Schraube in die Wand drehen will und mich nicht darum kümmere, dass und wie Bohrmaschine und Schraubenzieher funktionieren. Da ist die Idee, an einer bestimmten Stelle eine Schraube zu platzieren, gefolgt von deren Umsetzung. Das Werkzeug ist da und funktioniert, die Umsetzung dauert nicht lange. So bin ich auch an die Gestaltung meiner Websites herangegangen. Wenn etwas nicht gleich funktioniert hat, habe ich schnell die Lust verloren und etwas anderes gemacht. Ich bin nur bei solchen Dingen gerne auch lange gesessen, wo es nur um die Gestaltung ging. Mache ich es so oder anders? Da habe ich mich lange gespielt. Aber es gab keine Frage, ob und wie das Werkzeug funktionierte, es hat funktioniert.

Jetzt ist die Technik noch immer ein Werkzeug für mich, doch ich entwickle mehr Freude daran, mich mit dem Werkzeug auseinanderzusetzen. Das fällt mir besonders bei Dingen auf, die technisch aufwändiger sind und dadurch für mich länger dauern. Ein Paradebeispiel war für mich der Einsatz des Newsletter-Moduls. Ich hatte mich ja früher schon damit auseinandergesetzt, verlor aber die Lust, weil es nicht so auf Anhieb mit ein bisschen Spielen funktionierte. Dieses Mal richtete ich mir eine Testumgebung ein, stellte Nachforschungen an, probierte verschiedene Varianten von Anfang bis Ende durch, stieg tiefer in die Materie ein, probierte wieder eine andere Variante usw. Ich war einfach bewusster an der Sache, am Werkzeug selbst. Der Prozess wurde wichtiger als der Zeitpunkt des Ergebnisses. Wieder sank ich tiefer, wieder verschwanden Zukunft und Vergangenheit. Es war so ähnlich wie manche handwerkliche Projekte im Grünhexenland, die ich gemeinsam mit Petz und seinem Freund realisierte. Wir dachten nicht an das Ergebnis, sondern waren ganz im Prozess. Dabei hatten wir eine Menge Spaß. Das Ergebnis kam von selbst.

Die Arbeit bekommt so eine andere Qualität für mich. Mehr Tiefe, mehr Freude. Es entsteht mehr Liebe in mir. Zu mir, zu der Arbeit, zum Jetzt, zum Prozess. Es ist nicht so wichtig, ob etwas gleich funktioniert oder nicht, weil ich einfach das, was ich tue, bewusster tue.

Drei

Das ist der Renner seit ein paar Tagen. Mitten in der Arbeit halte ich inne, plötzlich möchte ich nicht mehr weitermachen, ich verspüre ein anderes Bedürfnis. Das Innehalten hat nichts mit Nicht-Funktionieren oder Kompliziertheit zu tun, es tritt einfach etwas anderes in den Vordergrund. Es fällt mir plötzlich auf, dass ich stehen geblieben bin und stattdessen einfach durch meine eigene Homepage surfe. Ich schaue mir alles an, ganz genau, oder besser gesagt ganz bewusst. Ich sehe es mir lange an. Ich scrolle langsam hinunter, wieder hinauf, dann wieder hinunter … Ich hänge dabei an Winzigkeiten, jedes Detail wird aufgenommen. Ich analysiere nichts und schaue mir nichts von dem Standpunkt her an, was ich ändern könnte, damit es mir besser gefällt. Vielmehr lasse ich mich völlig von dem durchdringen, was da ist.

Ich kann Stunden damit verbringen! Ich gehe durch alle Menüpunkte, durch alle Bereiche. Alles wird genau betrachtet. Ich kehre wieder zu Bereichen zurück, bei denen ich schon war, um dort genauso lange zu verweilen, wie bei dem Mal zuvor. Ich werde einfach nicht müde, das zu tun. Dabei lese ich nicht einmal etwas, außer vielleicht Überschriften. Ich schaue nur, ich nehme auf.

Gestern hatte ich Lust, alte Beiträge von mir zu lesen. Ich blätterte durch meinen Blog und pickte mir das heraus, was mich im Moment ansprach. Ich war begeistert! Texte, die ich vor fast zwei Jahren geschrieben hatte, waren so wahr, als wären sie von heute. Nicht unbedingt in dem Sinn, dass ich mich heute in derselben Situation sehe, aber in dem Sinn, dass ich heute einem Menschen, der mit diesen Themen zu mir kommt, genau das raten würde, was ich damals geschrieben habe. Weil ich die Zusammenhänge noch genauso sehe. Ich empfand tiefe Freude und Erfüllung.

Bei den Dingen, die ich hier beschreibe, bin ich in besonderem Maß mit mir befasst. Ich tauche so richtig in mich selbst ein. Denn ich bin ja mit meinen Schöpfungen befasst, die nichts anderes ausdrücken als mich selbst. All das bin in einem starken Ausmaß ich selbst, es ist sehr authentisch. Ich liebe es, mit mir befasst zu sein. heart

Ein schöner Aspekt an dieser dritten Situation ist, dass ich mich selbst von außen erlebe. Das ist einmal etwas anderes. Sonst gehe ich ja in mich hinein und nehme wahr, was in mir ist und aus mir herauskommt. Hier jedoch lasse ich Reiner von außen auf mich zukommen. Ich erlebe mich in Form meiner Schöpfungen mit meinen Sinnesorganen und lasse mich von außen von mir durchdringen. Das ist eine Seite von Kreativität, die mir sonst nicht so bewusst wird.

Vor drei Tagen erlebte ich einen Höhepunkt dieser Art von Erlebnis. Nachdem ich nachts zwei Stunden lang meine Homepage genossen hatte und mich gar nicht losreißen konnte, stand ich schließlich auf, um meine letzte Zigarette vor dem Schlafengehen zu rauchen. Fast wie in Trance stand ich auf, ging ins Wohnzimmer, rauchte die Zigarette und ging auf und ab. Plötzlich hörte ich mich zu mir sagen: „Meine Güte! Ich bin mitten in meinem zweiten Erwachen, in der nächsten Ebene. Was will ich denn eigentlich noch?!“ Und dann kam das Wort, das mein Gefühl in den beschriebenen Situationen genau ausdrückte: fallen lassen.

****

Ich putzte mir die Zähne, ging ins Bett und schwelgte im Fallenlassen. In all den Situationen, am stärksten in der dritten, ließ ich mich fallen. Wohin? In mich. Ich ließ mich fallen in eine tiefere Ebene von mir. Wie ich schon geschrieben habe, gibt es auf dieser Ebene keine lineare Zeit, keine Vergangenheit und keine Zukunft. Nachdem es keine Zeit gibt, gibt es keine Sorgen und nichts, was es zu erreichen gilt. Nichts, das getan werden müsste, nichts, das berücksichtigt werden müsste.

Dieses Fallenlassen ist das totale Loslassen. Wovon? Von der Verstandeskontrolle. Genau genommen ist das das einzige, was ein erwachender Mensch loslassen muss. Das Loslassen von allen anderen Dingen ist ein Nebenprodukt dessen. Keine Verstandeskontrolle heißt keine Glaubenssysteme, denn die werden ja über den Verstand programmiert und ausagiert. Was gibt es sonst noch zum loslassen? Genau genommen ist das Wort Verstandeskontrolle eine schlechte Übersetzung aus dem englischen mind control. Denn control heißt Steuerung, nicht Kontrolle. Ich gebe also auf, mich vom Verstand samt seinen konditionierten Gefühlen steuern zu lassen. Natürlich will der steuernde Verstand dann auch kontrollieren, ob eh alles seiner Steuerung entspricht. Aber im Kern geht es um Steuerung. Stattdessen lasse ich mich von einer anderen Instanz steuern, von dieser anderen Ebene. Und das bin eigentlich ich, mein wahres Ich, mein Kern, mein Bewusstsein.

Weil das Fallenlassen die Aufgabe der Verstandeskontrolle bedeutet, ist es so schwer. Es ist mit viel Angst verbunden. Kein Wunder, seit der Existenz von Menschen kennen wir nichts anderes als Verstandeskontrolle. Somit ist es ein Fallen ins Ungewisse. Doch welche Überraschung! Ich bin nicht ins Bodenlose gefallen, ich bin nicht lange gefallen und es war nicht schmerzvoll. Das Fallen auf diese tiefe Ebene ist wie das Fallen in ein großes, weiches Bett. Das Bett ist unendlich stabil und sehr, sehr gemütlich. Ich werde gehalten und getragen. Es ist der ultimativ sichere Raum. Diese Ebene da unten in mir ist Ahmyo. Das bin Ich. Dort hinzufallen und dort zu sein fühlt sich an wie Erlösung. Erlösung von den menschlichen Zwängen, die mir vormachen, etwas tun, erreichen, bewirken oder herbeiführen zu müssen. Die mir vormachen, etwas zu brauchen oder zu wollen.

Und wenn sich das für dich bis jetzt so anhört wie der Ausstieg aus dem irdischen Leben, dann liegst du falsch. Das Gegenteil ist der Fall. Auf dieser Ebene bzw. von dieser Ebene aus fängt das Leben erst richtig an! Keine Steuerung, keine Kontrolle, keine Angst, keine Zweifel, keine Zeit. Wow! Da geht die Post ohne Grenzen und Zwänge ab.

Das Fallenlassen, wie ich es in letzter Zeit erlebt habe, ist kein Dauerzustand. Es ist sehr ruhig mit dem klaren Fokus auf das Fallenlassen selbst und dem Fall auf diese tiefe Ebene. Ich kann und will nicht die ganze Zeit ruhig sein. Ich brauche Zeiten der Aktivität. Vielmehr sollen der Fall und dessen Ergebnis das Grundgefühl sein, aus dem heraus ich lebe und erschaffe. Ich lebe und erschaffe aus dem Ahmyo. (Ein wunderschönes Wort, finde ich übrigens. Es transportiert eine phantastische Energie.) Das ist fundamental anders als traditionelles menschliches Leben und Erschaffen.

Die nächste Überraschung: der Fall ist extrem kurz! Die tiefe Ebene ist tatsächlich nicht weiter entfernt als diesen sprichwörtlichen einen Atemzug. Mein Ahmyo sowie alle möglichen anderen Dimensionen sind nur einen einzigen Atemzug entfernt. Und es kommt wirklich nur darauf an, ob ich willens und mutig genug bin, diesen Atemzug zu nehmen. Das Leben ist faszinierend.

Einen Aspekt des Fallenlassens möchte ich noch beschreiben. Ich kenne ja auch eine andere Form einer völlig anderen Perspektive. Das ist die, wo ich praktisch weit über der Erde schwebe und mir von oben ansehe, was da so vor sich geht. Eine sehr bereichernde Perspektive. Dort gibt es auch keine lineare Zeit und große Klarheit. Aber es ist ganz anders. Da bin ich draußen – aber nicht außerhalb von mir – und sehe mir etwas aus der Distanz an. Beim Fallenlassen gehe ich in mich hinein. Es fühlt sich für mich so an, als ob ich mich beim Betrachten von oben am äußeren Rand meines Bewusstseins befände (oder zumindest in äußeren Schichten), während ich beim Fallenlassen in den Mittelpunkt meines Bewusstseins gehe. In den Kern dessen, was mich ausmacht.

Und plötzlich hatte ich das Bild eines sich abzeichnenden Pfades in mir. Herz öffnen – fallen lassen – wie geht es weiter? Anders leben, anders erschaffen. Mit dem Bewusstsein, dass ich von Ahmyo aus alles wählen kann. Nur wählen, mehr nicht. Es geschieht dann ganz einfach.

Beitrag des Moments

Im Frühling 2009 habe ich in mein erstes, unveröffentlichtes Buch den Satz geschrieben: „Die Frage Warum? ist die unnötigste Frage, die du dir stellen kannst.“ Seit letztem November ist mir das wieder verstärkt aufgefallen, und seitdem trage ich mich mit dem Gedanken, darüber zu schreiben. Vor ein paar Wochen ging es in einem Gespräch eben um diese Frage. Das hat mich wieder daran erinnert, dass ich darüber schreiben wollte. Nun, es sind aber dann doch noch ein paar Wochen vergangen.