Das Menschsein akzeptieren

Erwachende Menschen streben ständig danach, göttlich zu sein. Sie wollen ihre Göttlichkeit entdecken und erkennen, wollen (endlich) göttlich leben und nicht mehr (nur) auf dieser begrenzten menschlichen Ebene agieren. Sie wollen, dass alles in ihrem Leben göttlich ist, sie haben genug vom bloßen Menschlichsein. Sie kriegen es auch an vielen Stellen vorgebetet: in Büchern, Channelings und Seminaren lesen und hören sie, wie der göttliche Zugang zu den Dingen ist – im Gegensatz zum menschlichen Zugang.

Das kommt dir alles mit Sicherheit bestens bekannt vor. Und bei diesem Streben nach dem Göttlichen machst du viele Dinge, die dir möglicherweise gar nicht mehr auffallen. Wenn du dich über jemanden ärgerst, erlaubst du dir diesen Ärger nicht wirklich. Da meldet sich gleich eine Stimme, die sagt: „Hör auf mit dem Ärger, der bringt dich nirgends hin, und er ist ungöttlich. Habe lieber Mitgefühl mit diesem Menschen.“ Und schon bist du in einer emotionalen Zwickmühle.

Oft ertappst du dich dabei, wie du verschiedene Handlungen von dir als ungöttlich abqualifizierst. Besonders dann, wenn du schon wieder Anstrengung wählst, um eine Schöpfung auf den Weg zu bringen. Dabei sollte doch alles in Leichtigkeit zu dir kommen! Du hast wieder was verkehrt gemacht!

Wie viele Gedanken erlaubst du dir nicht? Ich wette, dass es ein sehr großer Teil ist. Besonders dann, wenn du bewertest. „Ah, Gott bewertet nicht!“, denkst du dir. Aber der Verstand bewertet ständig. Und wenn dir auffällt, dass du in Gedanken – oder gar mit Worten! – schon wieder bewertest, versuchst du, diese Gedanken wegzuschieben oder umzuleiten. Denn du willst ja göttlich sein. Gerade in den Gedanken kommen die ganzen Moralvorstellungen hoch, die du zum Teil schon vor deinem Erwachen hattest und zum Teil dir im Zuge des Erwachens angeeignet hast.

Und bei all diesen Emotionen, Handlungen und Gedanken bewertest und maßregelst du dich am allermeisten selbst. Du willst dich dazu bringen, göttlich zu sein. Und dabei hältst du den Menschen, der du auch bist, klein.

Es ist nichts verkehrt daran, göttlich sein zu wollen. Es ist allerdings ganz und gar nicht hilfreich, dabei das Menschsein auszuklammern. Beziehungsweise schlimmer noch, es zu unterdrücken. Es ist geradezu fatal, den menschlichen Aspekt des Wesens, das du bist, ständig regulieren zu wollen. Dieser menschliche Aspekt fühlt sich dabei hochgradig unwohl, um es vorsichtig zu formulieren. Und unfrei. Er reagiert dann mit immer unangenehmeren Emotionen, mitunter auch mit emotionalen Ausbrüchen und Drama, und wenn das nichts hilft, mit den verschiedensten körperlichen Symptomen.

Bedenke bitte eines: die Seele (also die Göttlichkeit) akzeptiert alles an und von deinem Menschsein. Alles. Jedes Gefühl, jede Emotion, jede Handlung und jeden Gedanken. Einfach alles. Die Seele sagt dir nie, du solltest anders denken, anders handeln oder anders empfinden. Niemals!

Wenn du also göttlich sein willst, musst du dein Menschsein akzeptieren. Ganz und gar, ohne Wenn und Aber. Denn der Gott, der du bist, tut das.

So gesehen sieht doch dein Erwachen anders aus, nicht wahr? Die meiste Zeit ist das Streben nach dem Göttlichen verknüpft mit dem Maßregeln des Menschlichen. Doch genau das ist ganz und gar ungöttlich. Du kannst nicht göttlich leben, ohne dein Menschsein voll und ganz zu akzeptieren, ohne es ganz und gar anzunehmen, so wie es ist. Da gibt es nichts zu korrigieren.

Und hier kommt die Brücke zum Mitgefühl. Mitgefühl bedeutet volles Verständnis. Mitzufühlen heißt, jemand und/oder etwas gänzlich zu verstehen. Es bedeutet, innerlich nachvollziehen zu können, was vor sich geht, oder was jemand tut, oder wo jemand gerade durchgeht. Es ist keine Emotion (Bauchgefühl), sondern ein Gefühl (Herzgefühl). Mit dem Gefühl kann ich jeden und alles verstehen, sowohl Gedanken als auch Emotionen stehen diesem tiefen Verständnis im Weg.

Den meisten Menschen fällt es leichter, Mitgefühl für bestimmte andere Menschen zu haben, als Mitgefühl für sich selbst zu haben. Denn bei sich selbst steht die ganze Lawine der Selbstkritik und des Maßregelns im Weg. Bei anderen ist man da oft sehr viel großzügiger. Aber wahres Mitgefühl muss bei dir selbst beginnen. Das Mitgefühl für alle(s) andere(n) folgt dann automatisch, darum musst du dich nicht kümmern. Die Seele hat absolutes Mitgefühl für den Menschen und das Menschsein. Also ist es höchste Zeit für den Menschen, der göttlich sein will, totales Mitgefühl für sich selbst zu haben.

Wenn es dir hilft, dann stell dir vor, du bist dein eigener Beobachter. Dieser Beobachter schaut nun auf den Menschen, der du bist. Er beobachtet ganz einfach, was der Mensch so tut, wie er sich verhält, was er empfindet und denkt. Nachdem der Beobachter ja du selbst bist, bringe nun dieses tiefe Verständnis für diesen Menschen auf, so wie du es für manche andere Menschen auch aufbringst. Und noch mehr.

Aus so einem tiefen Mitgefühl wird dann sehr schnell Liebe, nur so nebenbei erwähnt. Und sollte sich bei dir nun eine Assoziation aufdrängen, die da meint, der Beobachter hätte irgendwas mit deiner Seele zu tun, dann liegst du damit sehr richtig. wink

Und nun entsteht eine zweite Brücke, nämlich die zum Vertrauen. Bei dem Streben nach der Göttlichkeit empfindet sich der Mensch als ungöttlich oder als nicht göttlich genug (sonst würde er ja nicht danach streben). Dieses Gefühl geht Hand in Hand mit mangelndem – oder gar fehlendem – Vertrauen in die eigene Göttlichkeit. Erwachende kennen diese Erlebnisse, dass ihre Göttlichkeit ihnen nicht den leichtesten Weg weist, dass nicht alles ganz einfach und leicht zu ihnen kommt, was sie brauchen, und dergleichen mehr. Also entziehen sie ihrer Göttlichkeit das Vertrauen, das unter Umständen zu früheren Zeiten schon einmal größer war.

Auf der anderen Seite erleben sie, dass ihre alten Zugänge, also die traditionell menschlichen Zugänge, immer schlechter oder gar nicht mehr funktionieren. Also vertrauen sie ihrem Menschsein auch nicht mehr. Und dann stehen sie da, ohne Vertrauen in ihre Göttlichkeit und ohne Vertrauen in ihr Menschsein, ganz und gar alleine. Sie haben das Gefühl, dass rundherum nichts mehr funktioniert und sie alles selbst und ganz alleine machen und schaffen müssten. Ich bin mir sicher, das einige Menschen, die dies jetzt lesen, genau an diesem Punkt stehen.

Doch nun kommt die Brücke. Du akzeptierst dein Menschsein zu 100%, du hörst auf, dich zu korrigieren und zurechtzuweisen, weil du nun erkannt hast, dass genau das das Göttliche ist, nach dem du gestrebt hast. Dabei entwickelst oder entdeckst du dein Mitgefühl für den Menschen, der du bist. An diesem Punkt kannst du gar nicht anders, als diesem Menschen wieder zu vertrauen. Dieser Mensch hat so viel erfahren und gelernt! Er weiß, wie er mit linearer Zeit umgeht, wie er sich in der heutigen Welt orientiert, wie er mit anderen Menschen umgeht und vieles, vieles mehr. Er weiß sogar, wie er sich mit seinen göttlichen Dimensionen verbindet, zumindest in einem gewissen Ausmaß. Und jetzt hast du Mitgefühl für diesen Menschen. Es gibt also nur mehr Gründe, ihm zu vertrauen, und keinen Grund mehr, ihm zu misstrauen.

Und wenn du dein Vertrauen zu deinem Menschsein (wieder-)entdeckt hast, vertraust du auch deiner Göttlichkeit, denn die beiden sind zwei Seiten derselben Medaille. Das eine ohne das andere gibt es gar nicht.

Siehst du, welch große Misere entstehen kann, wenn du nach dem Göttlichen strebst, ohne dein Menschsein zu akzeptieren?

Schließlich möchte ich deutlich sagen, dass ich all die Dinge tue, die dem Menschen so ungöttlich erscheinen. Ich ärgere mich, bin manchmal richtig wütend, ich schimpfe, ich bewerte, und ich handle menschlich. Und das nach über neun Jahren Leben in erleuchtetem Zustand. Ich akzeptiere das alles und muss es somit nicht unterdrücken. Und das hat zur Folge, dass ich mich äußerst selten und nur sehr kurz ärgere, dass ich sehr wenig bewerte und auch schnell damit aufhöre (das ist nämlich anstrengend), usw. Ich habe nämlich dieses Mitgefühl, das ich beschrieben habe. Und ich weiß, dass es die Göttlichkeit nicht ohne das Menschsein gibt, und dass es gerade das Menschsein ist, dass uns so richtig reich macht. smiley

Du kannst nichts anstreben, was du schon bist, nämlich göttlich.

Beitrag des Moments

Wie Richard Bach so schön sagt, bedeutet Lehren, andere Menschen an das zu erinnern, was sie bereits wissen. Diese Erinnerungen geraten angesichts der starken Sogwirkung des Massenbewusstseins immer wieder in den Hintergrund. Deshalb passt es gut in diesem Abschnitt, ein paar Erinnerungen auszusprechen.