Sturm in mir

Da schreibt Ingrid vor ein paar Tagen über Schuld und Scham im Zusammenhang mit Macht. Ich antworte darauf, dass ich das schon lange nicht mehr kenne. Im Zusammenhang mit Macht. Doch was sich seit ein paar Tagen in mir abspielt, ist ein Sturm von Schuld und Scham.

Wie in alten Zeiten. Oder besser gesagt, schlimmer als in alten Zeiten. Alles, was ich tue, alles, was ich bin, ist falsch und schlecht. Und mit alles meine ich wirklich alles. Es ist völlig egal, was ich tue und fühle und denke, es ist schlecht und falsch. Jede Eigenschaft von mir, jede Haltung ist nicht passend, genügt nicht den Ansprüchen, ist es wert, kritisiert und verurteilt zu werden. Jeder Weg, den ich wählen könnte, ist falsch. Jeder. Ich mache mich die ganze Zeit runter und fertig. Ich brauche wohl keinem Leser erklären, wie sich das anfühlt.

Ich erinnere mich nicht mehr an alle Einzelheiten meines früheren Lebens, jetzt kommt es mir einfach nur so vor, als ob ich das in dieser Heftigkeit noch nie erlebt hätte, in dieser Inkarnation. Ich kann auch nicht sagen, ob es sich um alte, tief vergrabene Themen handelt, oder ob das alles neu ist. Ist auch völlig wurscht. Jetzt ist es da. Und es wird täglich schlimmer.

Meine Existenz ist gefährdet. Ich stehe auf dem Schafott, vor mir der Henker, der mich hinrichtet. Der Henker ist auch mein Ankläger und mein Richter. Ich verteidige und rechtfertige mich, doch ich fühle, dass alle seine Anklagen berechtigt sind. Da steht er nun und richtet mich nicht hin, er zögert es hinaus. Genau darin besteht meine Hinrichtung, in der Nicht-Hinrichtung. In meinem Dasein auf dem Schafott. Ewiges Schmoren in der Hölle.

Der Henker/Richter/Ankläger bin natürlich ich. Ich sitze da, fühle in mich hinein und aus mir heraus, nehme mich wahr, mein Inneres, meine Welt. Ich sehe deutlich, wie ich meine Welt erschaffe, wie ich sie ganz einfach ändern könnte. Ich nehme ganz klar wahr, wie nichts im Außen eine Rolle spielt, wie alles in mir und aus mir entsteht. Diese Wahrnehmung ist sehr hilfreich, weil sie mich in eine machtvolle Position stellt. Aber wenn ich nicht dasitze und fühle, bin ich nicht der Mittelpunkt meiner Welt. Dann geht es wieder nur darum, mit der Außenwelt passende Beziehungen herzustellen, die meine Gefühle und mein Schafott ändern könnten. Alter Hut, kenne ich alles, altes Spiel auf einem alten Karussell.

Bisher habe ich selten und wenig über meinen Körper gespielt. Der hat zu mehr als 99% einfach grandios gearbeitet, egal, was in mir los war. Jetzt ist das anders. Ein Stechen, Drücken und Ziehen in meinen Hoden, dem Zentrum der Lust und der Kreativität. Männer können sich vorstellen, wie schmerzhaft das ist. Dann Kopfschmerzen dazu, eine Rarität bei mir. Gestern noch ein Krampf in meinem Fuß. Praktisch bewegungsunfähig. Von Kopf bis Fuß alles im Arsch.

Und zwischendurch das genaue Gegenteil! Plötzlich sehe ich Potentiale, die sich zum Teil auch in 3D zu zeigen beginnen. Ich fühle sie, begebe mich in sie hinein, es ist grandios! Schöne, neue Welt! Ich schwelge in wunderbaren Möglichkeiten, in einem anderen Leben. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Henker die Bühne betritt und mich zurück aufs Schafott holt.

Es ist ein Sturm in mir, ein Gewittersturm mit dunklen, schweren Wolken, der heftig tobt. Es ist wirklich heftig, sehr heftig. So viel Schuld in mir, oder rund um mich, ich kann das gar nicht so genau sagen. In mich hinein und aus mir heraus ist irgendwie dasselbe. Da bemerke ich, dass genau das eine Eigenschaft der Neuen Energie ist. Gleichzeitig nehme ich mich deutlicher wahr in diesem Sturm. Fast pervers, aber ich nehme mich als Schöpfer wahr. Ich sehe die Agenda der Aspekte. Sie wollen mich aufhalten, wollen mich beschäftigt halten, damit ich nicht das tue, was ich wirklich tun möchte, und mich schön brav mit ihnen beschäftige. Ich lasse mich nicht aufhalten und gehe weiter. Da wird der Sturm noch heftiger. Manchmal muss ich sogar lächeln. „Was soll dieses Aufbäumen? Das ist ja fast schon lustig. Ich kann wählen, da kann niemand was dran ändern.“ Das Wählen fällt mir im Sturm nicht leicht, aber es geht.

Ich atme, fühle, wähle, schiebe nichts weg und gehe dennoch weiter. Ich drücke mich aus und teile meine Erlebnisse. Alleine das ist schon ein gutes Stück Befreiung.

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