Ich erinnere mich nicht mehr

In etwa vor ein bis zwei Monaten fiel mir etwas an mir auf: Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie es war, mich nicht zu lieben. Ich ging das in Gedanken durch und suchte nach Erinnerungen, aber es kamen keine. Wie war das früher? Ich habe mich ja nicht immer geliebt. – Ich wusste es nicht mehr.

Gestern Abend, als das Bedürfnis kam, diesen Blog zu schreiben (da kommt nämlich noch etwas), begann ich, den Text im Kopf zu formulieren. Ich befasste mich also gründlicher mit dem Thema. Und da fielen mir dann ein paar Sachen ein. Mir fiel ein, dass ich mich über lange Zeit selbst heftig kritisiert hatte. Meine Selbstkritik war ein Dauerzustand, eine Grundhaltung. Es gab Zeiten, in denen ich mich förmlich in der Luft zerrissen hatte. Ich habe mich beschimpft und heruntergemacht.

Aber: Das alles waren nur mehr eine sehr, sehr blasse Erinnerungen. Und vor allem: Ich hatte und habe kein Gefühl dazu! Ich kann die Erinnerungen präsenter machen, indem ich lange und so detailliert wie möglich daran denke. Aber es kommt kein Gefühl dazu, es bleibt eine gefühlslose Erinnerung im Verstand, mit der ich sehr wenig anfangen kann. Es ist wie ein weißes Blatt Papier.

Es gibt schon sehr lange absolut nichts, was ich an mir zu kritisieren hätte. Es gibt nichts an mir, was ich nicht akzeptiere oder was ich verändern möchte. Meine Liebe zu mir ist bedingungslos, ganz und gar. Sie ist tief empfunden und aufrichtig und allumfassend. Da ist kein Jota, das nicht passt. Und fast täglich gibt es eine oder mehrere Situationen, in denen mir auffällt, wie sehr ich mich liebe. Ich genieße dieses Gefühl und freue mich einfach nur darüber. Es hat nichts mit der Vorstellung getrennter Menschen von Narzissmus zu tun.

Meine Selbstliebe ist schon viele Jahre mein Grundempfinden. So lange, dass ich mich nicht mehr daran erinnere, mich jemals nicht geliebt zu haben. Dass ich mich nicht daran erinnere, wie es sich anfühlt, sich selbst nicht bedingungslos zu lieben.

Gestern Abend saß ich noch ein, zwei Stunden in einem gemütlichen und eher ruhigen Café. Und da fiel mit plötzlich die nächste Sache an mir auf, die mir mindestens ebenso bedeutend erschien: Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie es war, nicht erwacht zu sein. Ich weiß nicht mehr, wie es ist, getrennt zu sein, sich getrennt zu fühlen, auf der Suche nach Antworten zu sein, offene Fragen zu haben.

Wie ist es, darüber zu spekulieren, wie die Dinge sein könnten? Wie ist es, Vermutungen anzustellen, anstatt einfach zu sehen, was ist? Wie ist es, nicht zu wissen und stattdessen anderen Wesen Glauben zu schenken? Wie ist es, nicht zu spüren, was ist, nicht diesen sechsten Sinn zu haben, sondern immer wieder sein erlerntes Verstandeswissen zu bemühen, das einem niemals weiter hilft. – Ich weiß es nicht mehr, ich erinnere mich nicht mehr daran. Hier ist die Lage noch radikaler als bei der Selbstliebe. Ich krame und krame in meinem Gedächtnis und werde nicht fündig. Geschweige denn, dass ich irgendwelche Gefühle dazu hätte.

Ich weiß, dass ich nach meinem ersten Erwachen wieder eine sehr schmerzvolle Phase der Trennung hatte. Und noch eine, die sehr viel weniger schmerzvoll war, weil ich nun schon wusste, das dies eine normale Entwicklung ist. War da noch eine Trennungsphase? Ich weiß es nicht mehr. Aber diese Erinnerungen sind anders als die Erinnerungen an meine Selbstkritik. Sie bestehen hauptsächlich darin, dass ich damals darüber geschrieben habe. Ich kann nachlesen, dass es so war. Aber das ist alles so unendlich weit weg.

Ich war mir beider Dinge der fehlenden Erinnerung nicht gewahr, die ganze Zeit nicht. Ich lebte und entwickelte mich so vor mich hin, stellte immer wieder fest, dass mein aktuelles Bewusstsein in keiner Weise mit dem zwei, drei Monate zuvor vergleichbar war, und realisierte nicht, dass mir die Erinnerungen fehlten. Und als ich mir dessen gewahr wurde, im letzten Dezember und gestern, erlebte ich das als so bedeutend und eminent, dass es mir wie ein weiteres Erwachen vorkam.

Ich erinnere mich überhaupt an ziemlich wenig. Meine ganze Geschichte, meine Biografie, überhaupt alle Geschichten von früher einmal, das ist alles weit weg. Mich interessiert meine Biografie nicht ansatzweise, deshalb rede ich auch nicht darüber. Davon gibt es nur wenige Ausnahmen. Wenn ich ein interessantes Gespräch habe und mir dann was einfällt, das gut dazu passt, dann kommt so ein kurzes Geschichtchen. Aber sonst? Ich mag es auch nicht, darüber gefragt zu werden. Nicht, weil ich etwas zu verheimlichen hätte, sondern weil Geschichten aus der Vergangenheit das denkbar Uninteressanteste für mich sind.

Die fehlende Vergangenheit führte dazu, dass die Gegenwart immer wichtiger geworden ist. Gegenwart ohne Vergangenheit, das ist schön. Zukunft habe ich noch, mehr als Vergangenheit, aber auch die wird weniger. Irgendwann bleibt nur mehr die Gegenwart übrig, und das ist ein natürlicher Prozess, den zu steuern ich nicht die geringste Lust habe.

Bei der persönlichen Geschichte ist es anders als bei der Selbstliebe und dem Erwachtsein. Wenn es darauf ankommt, kann ich halbwegs schnell wieder einzelne Abschnitte rekonstruieren. Halbwegs schnell. Und mit ziemlicher Sicherheit entgehen mir dabei etliche Dinge. Aber es geht alles nur mit einiger Mühe. Es ist keineswegs so, dass ich diese uninteressanten Geschichten präsent habe, ich muss mich schon anstrengen.
Wie war das? Wann habe ich wo gearbeitet? Und was habe ich da genau gemacht? Wie war das alles in chronologischer Reihenfolge? In welchem Jahr war ich wo? – Das sind alles nur Daten und Fakten, an Bedeutungslosigkeit nicht zu überbieten. Ich weiß, dass ich diese Biografie mit ihren Daten und Fakten bald völlig vergessen werde. Und Gefühle gibt es dazu natürlich gar keine.

Was ich interessanter Weise praktisch gar nicht vergessen habe, ist mein Wissen der Ebene 1, also das unbedeutendste Wissen, das nur aus Informationen in der Datenbank des Verstandes besteht. Sowohl ziemlich altes Wissen aus der Schul- und Studienzeit als auch neues Wissen, das ständig mehr wird, sind sehr präsent. Und alles dazwischen natürlich. Das überrascht mich selbst immer wieder. Und gleichzeitig finde das maximal genial, denn das ist das Wissen, das es mir ermöglicht, einfach und elegant durch diese 3D-Welt zu navigieren, durch diese Gesellschaft mit all ihren Unwegbarkeiten.

Ich denke über dieses Wissen nicht nach, ich bin damit nicht beschäftigt, es belastet mich ein keiner Weise. Aber in den Momenten, in denen ich es gut gebrauchen kann, wird es abgerufen und kommt zur Anwendung. Das sind die Momente, wo ich darüber überrascht bin, dass noch immer so viel davon da ist. Es dient mir noch immer und immer wieder, ebenso wie es jedem Erwachten dienen wird, solange der diesen Planeten bewohnt.

Ein sehr gutes Beispiel dafür ist mein letztes Buch Europa Reinventa. Niemand hätte überraschter und verblüffter darüber sein können, dass dieses Thema zu mir kam, als ich selbst. Und dann ging es ans Umsetzen. Ein wirklich großer Teil meines Ebene-1-Wissens kam zum Einsatz. Wissen über politische Systeme früher und heute, jede Menge Wissen über verschiede Rechtebereiche und -systeme, Volkswirtschaft, Betriebswirtschaft, unterschiedliche Wirtschaftssysteme, alte wie neue, Physik und Mathematik, Raumenergie, Energiegewinnung durch Gravitation, Wissen über die Funktionsweise der Finanzindustrie und des Geldsystems, Währungssysteme und Währungspolitik, Sozialsysteme, Informatik, überhaupt Technologie und und und.

Und das alles habe ich kombiniert mit meiner erleuchteten Sicht auf die Welt und die Menschen. Mit meinem Gespür dafür, was man der heutigen Gesellschaft zumuten kann, wie bereit sie für echte Veränderung ist, wie weit sie ein Stück in Richtung Souveränität und echte Demokratie gehen kann, was sie bereit ist zu glauben und was nicht, und dergleichen mehr.

Die Kombination des praktischen Wissens samt meinen dazugehörigen einschlägigen Erfahrungen mit der göttlichen Sichtweise macht Europa Reinventa zu einem profunden Buch. (Es ist übrigens gratis.) Dennoch hätte ich das Buch nicht schreiben können mit der Blindheit des Studenten, der alles unhinterfragt aufnimmt, oder mit der Blindheit des Schlafenden, der Jahre später noch viel mehr „Wissen“ angesammelt hatte. Nicht einmal mit der Blindheit des halb Erwachten. Die Erleuchtung verändert eben alles, auch die Qualität des Wissens der Ebene 1.

Nun habe ich vergessen, wie es ist, nicht erwacht zu sein und wie es ist, mich nicht zu lieben. Dieses Vergessen ist wirklich total, ich weiß das einfach nicht mehr. Heißt das nun, dass ich die Probleme der Erwachenden nicht mehr verstehe. – Ganz und gar nicht,

Wenn mir ein Erwachender oder Erwachter von sich erzählt, von seinen Schwierigkeiten und Herausforderungen, verstehe ich im selben Moment, was er meint. Das ist Mitgefühl, das tiefe, umfassende und unmittelbare Verständnis dessen, wovon der andere spricht. Das sofortige Einfühlungsvermögen in seine Lage.

Mitgefühl funktioniert anders als Erinnerung. Es ist nicht so, dass ich mich an eigene Erlebnisse oder eigene Seinszustände erinnere, wenn ich meinem Gesprächspartner zuhöre. Vielmehr fühle ich sein Bewusstsein und kann die ganze Bedeutung dessen ermessen, was er mir erzählt. Auch und vor allem dessen, was er mir nicht verbal erzählt. Und so verstehe ich beispielsweise seine fehlende Selbstliebe in vollem Umfang.

Was mir hingegen einige Mühe bereitet, ist das Verfassen mancher Lehren. Es kommt natürlich auf das Thema an, aber hier schlägt mein Vergessen immer öfter zu. Ich muss mich dann erst einfühlen, wie das alles bei noch nicht vollständig Erwachten so ist. Ich behelfe mir dadurch, alte Texte von mir zu lesen. Mehr aber dadurch, dass ich an viele Menschen denke, die ich kannte (und zum Teil noch kenne) und mir vor Augen führe, womit sie haderten oder noch immer hadern. Dann kann ich einsteigen in die Probleme des Übergangs und einen Text verfassen. Viel besser ist aber ein persönliches Gespräch, das bedarf keiner Anstrengung.

Ich entferne mich immer weiter weg von meiner Geschichte und meinem früheren Zustand des alten Menschseins, wie mir mein umfangreiches Vergessen vor Augen führt. Zwischen dem – in linearer Zeit gemessen – relativ kurzen Abstand von vor zehn Jahren und heute liegen mehrere Leben. Ich wurde ein paarmal neu geboren, das Alte verschwindet mit zunehmender Geschwindigkeit. Das entfernt mich erheblich und irreversibel von der schlafenden Menschheit.

Ich bin nicht weniger als ein Alien, das meine ich im wahrsten Sinn des Wortes. Menschen haben nicht die geringste Ahnung, wovon ich spreche. Wenn ich etwas sage, die meiste Zeit sage ich nichts. Ich hingegen verstehe natürlich alles, was sie sagen, aber es interessiert mich nicht. Ich kann ein bisschen Smalltalk führen, ein bisschen witzeln und scherzen und über etwas aus der getrennten Welt sprechen, das mich authentisch interessiert, wie zB Technologie. Aber ich kann keine „normale“ Unterhaltung mit schlafenden Menschen führen. Keine Unterhaltung, die sie als normal empfinden würden.

Für schlafende Menschen bin ich ein Alien, der Unterschied zwischen ihnen und mir wird in sehr kurzen Zeiträumen signifikant größer. Dennoch bin ich nicht einsam, denn erstens habe ich mich, zweitens bin ich nach wie vor gerne unter Menschen (auch wenn wir uns praktisch nicht unterhalten), und drittens lerne ich immer wieder Erwachende kennen. Solche, die es wirklich ernst meinen und sehr offen für sich selbst sind. Gespräche mit solchen Menschen sind fast nicht zu toppen. smiley

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Beitrag des Moments

Ein kurzes, scheinbares Paradoxon aus Jed McKennas erstem Buch Verflixte Erleuchtung. Vor Vollziehung des Paradigmenwechsels sieht die Welt eben paradox aus.