Freilernen im Grünhexenland

Joyas heutiger Artikel hat mich inspiriert, über Freilernen zu schreiben, wie ich es hier im Grünhexenland erlebe. Ich wollte das ohnehin tun, jetzt bekam ich den Kick dazu. Das Thema Schule und Umgang mit Kindern und Jugendlichen beschäftigt mich sehr. Seit ich denken kann, fand ich das Lehren für mich faszinierend, schließlich war ich auch einmal selbst Lehrer in einer Schule. Schon oft habe ich Ideen gewälzt, wie ein neues Schulsystem aussehen könnte. Eine konsequente Freilerner-Familie hautnah mitzuerleben, hat meine diesbezüglichen Vorstellungen enorm bereichert.

Ich kam Ende September 2010 ins Grünhexenland und lernte Joya und ihre Tochter Lisa kennen. Ich wusste im Vorfeld, dass Lisa frei lernt, also war ich schon mal nicht überrascht, dass Lisa jeden Tag aufsteht und schlafen geht, wann sie will. Auch nicht darüber, dass Lisa ihren Tag so gestaltet, wie sie will. Nach ein paar Wochen wunderte ich mich allerdings ein bisschen. Ich hatte es in der ganzen Zeit kein einziges Mal erlebt, dass Lisa mit ihrer Mutter oder ihrem Vater zusammen sitzt und irgendetwas lernt. Ich hatte noch immer so ein bisschen die Vorstellung, dass Kinder irgendetwas über unsere Welt lernen  sollten, und dass es in der Verantwortung der Erwachsenen, besonders der Eltern läge, dieses Wissen zu vermitteln. Ich nehme vorweg, dass ich mich von den Resten dieser Vorstellung schnell befreit habe.

Nun sah ich also, dass ich es hier mit Freilernen zu tun hatte, nicht mit Heimunterricht. Und ich sah Lisa. Sie ist selbstbewusst, in hohem Maß selbständig, vertrauensvoll und liebt ihre Eltern so sehr, wie ihre Eltern sie lieben. Sie kann sich ausdrücken! Etwas, das viele, viele Schulkinder nicht können, weil sie dazu verbogen werden, sich Regeln zu unterwerfen und Wissen zu konsumieren. Lisa kann klar ihre Gedanken und Gefühle ausdrücken. Sie kann staunen und sich begeistern. Ihr Deutsch bedarf keiner Verbesserung, neben dem Ausdruck beherrscht sie auch Rechtschreibung und Grammatik, was ich übrigens gar nicht so wichtig finde wie viele andere Menschen. Sie verfügt über eine ungewöhnlich gute englische Aussprache. Joya hat mir erzählt, dass sie eine Zeitlang etliche englische Hörbucher hörte. Lisa hörte mit und lernte ganz automatisch und nebenbei eine gute englische Aussprache. Lisa kann gut genug rechnen, um von einem Verkaufspreis 30% abzuziehen, wenn da -30% steht. Darüber hinaus interessiert sie Mathematik nicht. Und sie braucht es auch nicht.

Lisas große Stärke ist die künstlerische Kreativität. Wenn ich sie singen höre, bekomme ich eine Gänsehaut am Rücken. „Zufällig“ lebt sie in einer sehr musikalischen Familie, ihr Vater ist obendrein Musiker. Im Grünhexenland wird viel Musik gemacht. Lisas stimmliche Begabung wird stark gefördert, und zwar in dem Maß, in dem sie es will, nicht wie die Eltern es wünschen. Das heißt, eigentlich doch, denn ihre Eltern wünschen sich für Lisa nichts anderes, als sie selbst sich wünscht. Noch stärker ausgeprägt als das Singen ist das Malen. Lisa malt sehr viel und gut, überall hängen ihre Bilder herum. Im letzten Herbst wollte Lisa mehr in dieser Richtung tun. Also besucht sie nun auf der Volkshochschule einen Aquarellkurs. Sie ist dort das einzige 12-jährige Mädchen unter lauter Erwachsenen.

Ab und zu interessiert sich Lisa für irgendein Thema. Dann erzählt ihr Joya etwas darüber, sucht nach einschlägigen Internetseiten und besorgt Bücher. Lisa befasst sich dann mit dem Thema, solange sie Spaß daran hat. Manchmal findet Lisa Gefallen daran, eine Aufgabe zu lösen. Dann stellt ihr Joya eine Aufgabe. Und Lisa weiß, dass sie die Aufgabe nicht lösen muss, wenn sie die Lust daran verliert.

Mit anderen Worten: Lisa lernt von Kindesbeinen an Neues Bewusstsein! Wir Erwachsenen quälen uns oft mit der Umstellung. Es fällt uns oft nicht leicht, das Tun Müssen fallen zu lassen, uns nicht anzustrengen. Lisa lernt von klein auf nichts anderes. Sie lernt erst gar nicht so blöde Dinge wie: manchmal müssen wir in den sauren Apfel beißen; wir müssen uns anstrengen, um etwas zu erreichen; oft muss man unangenehme Dinge tun, das ist halt so im Leben.

Freilernen ist eine wahre Revolution. Hier geht es nicht darum, irgendeinen Lehrstoff freundlich und verständlich aufzubereiten oder Kinder zu motivieren. Motivation ist subtiler Zwang und prügelt alte Glaubenssysteme in die Kinder. Freilerner bzw. deren Eltern gehen davon aus, dass jeder Mensch in jedem Alter ein vollständiges, souveränes Wesen ist. Wovon ich übrigens auch ausgehe. Ich konnte nie etwas damit anfangen, Kinder wie minder bemittelte Menschen zu behandeln. Wenn Kinder etwas wissen oder lernen müssen, um ihre Neigungen und Talente ausleben zu können, bemerken sie das von selbst und haben automatisch ein vitales Interesse daran, sich das Wissen und die Fähigkeiten anzueignen. Sie sagen ihren Eltern schon, was sie brauchen. Und das sollen ihnen die Eltern dann zur Verfügung stellen. Und das wird im Grünhexenland gelebt.

Ich meine, wer, zum Kuckuck, wer kann sich hinstellen und sagen, was ein anderer Mensch wissen muss und zu lernen hat? Wer? Die Tatsache, dass es überhaupt einen Lehrplan in unserem Schulsystem gibt, ignoriert die Souveränität der Menschen. Es gibt keinen guten Lehrplan. Jeder Lehrplan will andere Menschen in eine Richtung zwängen, sei er auch noch so liberal. Das wurde mir hier so richtig klar, und zwar nicht deshalb weil Joya mir das erzählt hat. Hat sie nämlich gar nicht.

Freilernen ist eine große Herausforderung und ein großer Gewinn für die Eltern. Da zeigt es sich nämlich, wie ernst es beispielsweise einer Shaumbra-Mutter mit der Souveränität anderer Menschen ist. Bei den eigenen Kindern sind selbst sehr bewusste Menschen schnell in der alten Schiene drin, zu glauben, sie wüssten, was das Beste für jemand anderen ist.

Ein immer wieder diskutiertes Thema unter Freilerner-Eltern ist zB Fernsehen und Computer. Ich weiß von Joya, dass ihr das auch nicht leicht gefallen ist. Was tun, wenn das Kind den ganzen Tag vor dem Fernseher oder dem PC verbringt? Und den nächsten Tag wieder, und den nächsten wieder? Die einzige folgerichtige Antwort kann nur lauten: nichts. Ist das Kind souverän oder nicht? Wenn es souverän ist, dann weiß es, was ihm am besten gefällt, was ihm nützt und was ihm schadet. Und so hatte Lisa ihre Fernseh- und Computerphasen. Und sie vergingen wieder. Ich erinnerte mich an meine eigene Kindheit. Ich hatte auch Fernsehphasen. Meine Mutter ließ mich im Großen und Ganzen gewähren. Meine Fernsehphasen vergingen wieder.

Dann ist da noch das große Thema Freunde. Kinder zwingen sich oft deshalb in die Schule, weil sie dort ihre Freunde haben. Hier sehe ich, dass Lisa viele Freundinnen hat. Sie steht in ständigem Kontakt mit ihnen. Lisa schreibt lieber Briefe als E-Mails. Ihrer Neigung entsprechend ist jeder Brief ein Kunstwerk. Ich weiß es nicht genau, aber mir kommt vor, sie schreibt jeden Tag Briefe. Und natürlich telefoniert sie mit ihren Freundinnen. Ihr Freundeskreis erstreckt sich nämlich über ein großes geographisches Gebiet. Alle paar Tage ist eine Freundin zu Besuch. Lisa fährt auch zu ihren Freundinnen, aber umgekehrt ist es häufiger, weil das Grünhexenland eben mehr Möglichkeiten bietet.

Und noch etwas zum Thema Freunde.  Nachdem viele Freilerner ins Grünhexenland kommen, habe ich schon mehrere von ihnen kennen gelernt. Freilernerkinder haben viel weniger als Schulkinder Vorbehalte gegen andere Altersgruppen. Sie zählen viel schneller auch Erwachsene zu ihren Freunden. Und so finden sich unter meinen facebook-Freunden heute auch mehr Kinder und junge Teenager. Und das finde ich großartig! Wer sagt denn, dass ein 12-jähriger Mensch nicht mit einem 30-jährigen Menschen befreundet sein kann? Ich sehe, dass solche Freunde genauso miteinander Dinge unternehmen und endlos über irgendwelche Themen quatschen wie Gleichaltrige. Und das ist ein unschätzbarer Beitrag zur Überwindung des Generationskonflikts, der nämlich nicht naturgegeben ist.

Hm, ich  schätze, ich habe lange nicht alles zum Thema Freilernen geschrieben. Aber es ist ein Anfang. Ein Abschlusswort noch. Lisa verfügt über jedes Wissen, das sie braucht, um so zu leben, wie sie möchte. Welches andere Wissen sollte sie sich sonst noch erwerben?

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Beitrag des Moments

Gestern schrieb ich nach über zwei Monaten wieder einmal etwas in mein Tagebuch. Nachdem sich am Donnerstag und Freitag die Themen „Meine Vollkommenheit“ und „Es ist alles egal“ auf wohltuende Weise in mir ausbreiteten, waren am Freitag und Samstag Potentiale und Wahlen in mir präsent. Ich wollte etwas darüber schreiben, wollte durch meinen Selbstausdruck Klarheit für mich gewinnen. Doch, wie so oft beim Schreiben, kam etwas ganz anderes aus meiner Feder, als ich vorhatte. :-) Ich schrieb und schrieb, es sprudelte nur so aus mir heraus, mein Selbst trat hervor.