Das Lied vom Tod

Ich bezeichne meinen Körper gerne als Standard für mich und mein Leben. Oder besser gesagt, mein Verhältnis zu meinem Körper. Ihm gegenüber habe ich 100%iges Vertrauen, was auch passiert. Da können mir Ärzte, Ernährungswissenschaftler und andere Experten erzählen, was sie wollen. Das prallt einfach an mir ab. Ich wurde von Ärzten schon als verantwortungsloser Trottel bezeichnet, das beirrt mich nicht. Es fällt mir auch leicht, die Stimme meines Körpers zu hören und ihr zu folgen. Wenn ich monatelang Heißhunger auf süße Naschereien habe, dann esse ich sie. Wenn es Gemüse ist, dann esse ich Gemüse. Wenn mein Körper nach Frischluft verlangt, gehe ich an die Luft. Wenn er nach Ruhe verlangt, obwohl ich eh schon die meiste Zeit geruht habe, dann gebe ich mir Ruhe. Ganz einfach.

Das Ergebnis dieses Vertrauens und dieser Harmonie: Ich bin seit Jahrzehnten überdurchschnittlich gesund und leistungsfähig. Die körperlichen Symptome während meines ganzen Erwachensprozesses waren nahezu Null. Wenn ich Schmerzen habe, dann weiß ich einfach ganz genau, dass sie in zwei, drei Tagen wieder weg sein werden. Alles, was ich in solchen Situation brauche, ist Ruhe. Kein Medikament, keine Behandlung. An manchen Stellen habe ich sogar geschrieben, dass ich mich über Schmerzen freue, weil sie mir zeigen, dass etwas in Bewegung ist, dass sich vielleicht eine Blockade zeigt und auflöst.

Dieses Vertrauen bringe ich nicht in allen Lebenssituationen auf. Obwohl ich weiß – und auch genügend Erfahrungen darüber habe – dass alles so einfach und anmutig und zu meiner Zufriedenheit vonstatten geht, wie es bei meinem Körper der Fall ist, wenn ich das Vertrauen habe. Deshalb ist mein Körper mein Standard für mich.

Gestern, am 2. 1. 2012, wurde ich munter, als es noch dunkel war. Es muss ca. 7h gewesen sein. Ich habe mich geärgert, weil ich erst um 4h ins Bett gegangen war. Da konnte mich der schwarze Kater einmal nicht aufwecken, weil er draußen im Garten war, und nun wachte ich von selbst auf. Ich verspürte einen Schmerz im Herz-Lungen-Bereich. Im ersten Moment fühlte es sich so an, als ob ich zuviel geraucht hätte. Wenn ich über Tage viel mehr rauche als normal, dann kann es vorkommen, dass ich in der Früh einen leichten Schmerz in der Lunge fühle, der dann wenige Stunden andauert. Aber ich hatte nicht mehr geraucht als normal.

Dazu kam ein nicht näher definierbarer Schmerz in meinem linken Oberarm, eine Schwäche im rechten Oberarm, die daher rührte, dass ich sehr viel am Computer gespielt hatte, und ein Schmerz im rechten Fuß. Ich ärgerte mich noch mehr, weil ich wusste, dass solche Schmerzen nicht entstehen oder wieder vergehen, wenn ich ausreichend schlafe. Nun konnte ich wegen der vielen Schmerzen nicht mehr schlafen. Je länger ich wach im Bett lag, desto stärker wurden der Schmerz in der Herzgegend und der im linken Oberarm. Mein Hirn begann zu rattern. Was war da los? Gut, ich blieb im Bett und konnte dann doch noch etwas schlafen.

Als ich aufstand, war der Herzschmerz höllisch. Ein starkes Stechen und Drücken. Dauerhaft wie Zahnweh. Es gab keine Körperhaltung, in der der Schmerz erträglicher geworden wäre. Und dazu dieser Schmerz im linken Oberarm, der meine Bewegungsfreiheit zusätzlich einschränkte. Diese Situation änderte sich den ganzen Tag nicht.

Ich kochte mir Kaffee und rauchte dann einmal eine Zigarette. Spätestens jetzt war völlig klar, dass meine Schmerzen nichts mit Zigaretten zu tun hatten, denn das hätte ich bei jedem Zug gespürt. Der Schmerz in meinem Herz war völlig unabhängig davon. Nun war mir auch klar, dass es eindeutig das Herz war und nicht die Lunge.

Im Lauf dieses Vormittags war meine erste Assoziation die, dass sich hier eine alte, heftige Herzensverletzung zeigte und auflöste, denn ich hatte mir in der Nacht zuvor vor dem Schlafengehen eine Frage gestellt. Ich hatte zu mir gesagt: „Reiner, zeig mir, was da los ist.“ Damit meinte ich mein hartnäckiges Mangelbewusstsein und meine Unfähigkeit, bestimmte Dinge zu wählen, die ich wählen will. Natürlich beruht das – auch – auf einer Herzensverletzung. Aber mein Verstand mischte sich kräftig ein und kramte ein paar passende Erfahrungen hervor. Wenige Tage zuvor hatte ich ein Video gesehen, in dem ein Heiler von einem Patienten mit genau solchen Herzschmerzen berichtet hatte. Er hatte ihn ins Krankenhaus geschickt.  Dort hatte man festgestellt, dass eine Aorta in der Herzgegend gerissen war. Er war am Operationstisch gestorben.

Spiel mir das Lied vom Tod von Ennio Morricone kam mir in den Sinn. War es möglich, dass bei mir eine Aorta geplatzt war, oder dass sich Blutgefäße stark verengt hatten? War es möglich, dass ich dringend ins Spital musste oder bald sterben würde? Oder zumindest schwer krank würde? Die Schmerzen an meinem Herzen fühlten sich so an. Aber das ergab alles keinen Sinn für mich! Jetzt zu sterben oder schwer krank zu werden machte einfach keinen Sinn! Ich habe nicht den geringsten Zweifel, hier auf der Erde leben zu wollen. Die Frage, ob ich denn nicht lieber gehen möchte, ist längst gegessen. Ich schaute auf mein Leben und sah ganz offensichtlich die Sinnlosigkeit meines Todes. Nicht, dass mir der Tod etwas ausmacht, ich habe keine Angst davor. Allerdings möchte ich nicht qualvoll sterben. Schon wieder etwas, das gegen eine tödliche Krankheit sprach.

Ich kramte weiter und suchte nach möglichen Ursachen für eine Herzattacke. Ich fand keine. Ich sah weit und breit nichts in meinem Leben, das so etwas verursachen hätte können. Also quälte ich mich weiter durch den Tag.

Ich kann nicht behaupten, dass ich mich gestern über meine Schmerzen gefreut habe. Sie waren zu heftig und zu unangenehm. Aber ich dachte an die Auflösung der alten Herzensverletzung, der Gedanke gefiel mir. Irgendwann am Tag hörte ich auf, nach Ursache und Bedeutung der Schmerzen zu suchen. Ich suche im Grunde schon lange nach keinen Ursachen und Bedeutungen mehr, das ist langweilig, kontraproduktiv und führt zu nichts außer mentaler Tätigkeit. Bloß war in diesem Ausnahmefall meine Verstandesaktivität groß, sodass ich doch ein bisschen herum kramte. Ich sagte mir dann ganz einfach, dass ich meinen Schmerzen die Bedeutung gebe, die mir gefällt. Also Herzensverletzung. Basta. Sollten es doch die Blutgefäße sein, würde ich eben am nächsten Tag nicht mehr leben, so dachte ich mir.

Ich verbrachte den Tag mit viel Liegen und wenig Bewegung, das war am angenehmsten. Später am Abend wurde eine andere Idee immer stärker: Möglicherweise waren das gar nicht meine Schmerzen. Vielleicht waren das Schmerzen der Welt, der Hausbewohner oder was weiß ich, die ich aufgenommen hatte. Dazu passte auch, dass ich schon vor Monaten die Idee hatte, dass mein Mangelbewusstsein gar nicht meines ist, sondern ich das Mangelbewusstsein der Welt ausagiere. Das wäre auch eine sehr passende Antwort auf meine Frage vom Vorabend gewesen.

Wie auch immer, ich machte mir immer weniger Gedanken um die ganze Sache. Als ich abends zu Bett ging, sagte ich mir: „Die Schmerzen sind über Nacht im Schlaf gekommen. Genauso können sie über Nacht im Schlaf wieder gehen.“ Ich lag noch lange wach im Bett, fühlte die Schmerzen und hatte immer vordringlicher den Gedanken, dass es nicht meine waren. Ich entschied mich, sie durchzuatmen und in Zukunft nichts Fremdes mehr als meines anzunehmen.

Heute wachte ich auf, die Schmerzen waren weg. Bei einer Herzattacke hätte ich schon tot sein müssen. Ich konnte es zunächst gar nicht so richtig glauben. Ich fühlte genau hin, atmete tief, machte verschiedene Bewegungen – nichts. Keine Schmerzen mehr. Ich habe mir wieder einmal gezeigt, wie leicht und anmutig sich die Dinge erledigen, wenn ich vertraue.

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